Sunday, February 5, 2017

Wenn Flurnamen Geschichten erzählen

http://www.basellandschaftlichezeitung.ch/basel/baselbiet/wenn-flurnamen-geschichten-erzaehlen-130894602

Das erste Baselbieter Namenbuch steht vor dem Abschluss. Darin versammelt: 25 Jahre Flurnamenforschung im Kanton Baselland.



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Und es ist Zeit, das Büro, in welchem das erste umfassende Werk rund um die Flurnamen im Kanton entstanden ist, zu räumen. Es liegt unscheinbar in einem Wohnblock am Rande von Pratteln und wird vom fünfköpfigen Forschungsteam liebevoll «Flurestübli« genannt.
Alles, was sich dort befindet, muss jetzt raus. Darunter Büromöbel wie Tische, Stühle und Regale sowie stapelweise namen- und heimatkundliche Literatur. «Und auch die eine oder andere Trouvaille«, wie Hofmann verspricht. Darunter etwa Bücher zur Kantonsgeschichte von Karl Otto Gauss und ein komplettes Grimmsches Wörterbuch.

Interessierte haben am heute Montag nach dem Motto «Der Schnäller isch der Gschwinder» die Möglichkeit, solche Dinge zu erwerben. Am Tag darauf werden im «Flurestübli« dann zum letzten Mal die Lichter gelöscht.
Ein Zeuge der Vergangenheit
Zwischen 2003 und 2007 entstand im «Flurestübli» als Zwischenschritt für jede Gemeinde im Kanton ein Ortsnamenbüchlein mit Kurzdeutungen der in der jeweiligen Gemeinde noch gebräuchlichen Flurnamen. Damit stiess das Forschungsteam auf reges Interesse: Über 34 000 Exemplare wurden verkauft.
Dieser Erfolg stützt das Team in der Bestrebung, das Baselbieter Namenbuch für alle zugänglich zu machen. «Es hält den fachlichen Ansprüchen stand und ist gleichzeitig auch für Laien verständlich», sagt Hofmann. Aber warum sollte sich ein Laie für Flurnamen interessieren? «Weil sie wesentliche Informationen aus der Vergangenheit in die Gegenwart transportieren, etwa aus der Gesellschafts- oder der Agrargeschichte.
Heisst ein Gebiet zum Beispiel Ägerte, kann man davon ausgehen, dass das Land dort einst wenig ertragreich war. Namen gehören zu unserer sprachlichen und kulturellen Identität.»
Aus der Not geboren
Dass der Namenschatz hier so gross ist, liege eben gerade daran, dass man auf eine lange Siedlungsgeschichte zurückblicken kann. «In den USA zum Beispiel sind die Strassen in vielen Städten bloss nummeriert, die wenigsten tragen Eigennamen», so Hofmann. Im Baselbiet ist das anders; viele Strassennamen sind hier gewachsen und beziehen sich auf konkrete (einstige) Gegebenheiten.
Jüngere Strassennamen haben aber auch hierzulande oft keinen historischen Hintergrund mehr und zeugen von wenig Kreativität. «Das rührt daher, dass das Baselbiet eine so starke Urbanisierung erlebt hat. In kurzer Zeit entstanden viele Strassen, die benannt werden mussten. Die meisten Blumenstrassennamen zum Beispiel sind aus der Not geboren. In kleinen Dörfern, die von der Urbanisierung verschont blieben, findet man sie kaum.»
Während einige der historischen Namen auch für Laien viel über die Geschichte preisgeben, stellen andere selbst die Fachleute vor Rätsel. «Es gibt Flurnamen, die sind dermassen entstellt oder verschliffen, dass wir sie nicht mehr herleiten können«, gesteht Hofmann. «Wieder andere scheinen zwar sprachlich eindeutig, machen aber im Zusammenhang mit der Landschaft keinen Sinn.»
Die Namenforschenden sitzen nämlich nicht bloss in ihrem Büro, sondern begeben sich auch vor Ort. Realprobe nennen sie das. Und wenn diese mit der Theorie nicht übereinstimmt, wird es richtig spannend. Zum Beispiel beim Flurnamen Wärlige in Rothenfluh. «Dieser weist klar darauf hin, dass es dort einst eine Siedlung gab.
Aber vor Ort konnten wir keine Hinweise darauf finden.» Dafür fanden sich einige hundert Meter weiter Keramikspuren. «Es stellte sich heraus, dass der Hang einst samt Siedlungsüberresten gerutscht ist, der Flurname aber dort blieb, wo die Siedlung früher war.»
Für solche und ähnliche Fragen arbeitet die Namenforschung mit den Fachgebieten Archäologie oder Geografie zusammen. Für andere mit Botanik oder Kirchengeschichte – Namendeutung ist nur in Vernetzung mit anderen Fachbereichen möglich.
Nicht alle Rätsel haben sich so einfach aufgelöst wie dieses. Im Baselbieter Namenbuch finden sich auch Flurnamen, die nicht abschliessend geklärt sind. «Wir präsentieren dann verschiedene Herleitungsmöglichkeiten und schätzen diese auch nach ihrer Wahrscheinlichkeit ein.»
Zu diesen gehört zum Beispiel der Hügelzug Dottmese zwischen Gelterkinden und Rickenbach, der zum ersten Mal 1480 auftaucht, damals noch als Dotwysen. Vielleicht eine Kombination aus Wiese und dem Namen des Besitzers? «Kaum», weiss der Experte, «hier sagt man nicht Wiese sondern Matte.»