Thursday, April 17, 2014

Rezension zu "Flurnamen Thüringens. Der westliche Saale-Holzland-Kreis"

Barbara Aehnlich: Flurnamen Thüringens. Der westliche Saale-Holzland-Kreis (Beiträge zur Lexikographie und Namenforschung 5), Hamburg: Baar 2012, 1493 S. – ISBN 978-3-935536-05-9, Preis: EUR 132 (DE), 135,70 (AT).
Flurnamen Thüringens
Rezensiert von Horst Naumann, Grimma
Luise Gerbing hatte 1910 mit der bis heute hoch geschätzten Arbeit Die Flurnamen des Herzogtums Gotha und die Forstnamen des Thüringerwaldes zwischen der Weinstraße im Westen und der Schorle (Schleuse) im Osten bereits Maßstäbe für die Aufbereitung umfangreichen Namenmaterials gesetzt. Seit 1952 wurden dann im 1933 gegründeten Thüringischen Flurnamenarchiv im Rahmen des Thüringischen Wörterbuches umfangreiche Sammlungen angelegt. Hier sind besonders Günther Hänse und Herbert Schrickel wirksam geworden; Heinz Deubler war mit Anlehnung an die Leipziger namenkundliche Arbeitsgruppe im Kreis Rudolstadt, Erhard Müller im Eichsfeld tätig. Nach der Wende eröffneten mehrere Initiatoren nach 1999 die Möglichkeit, die Aufbereitung der Flurnamen nach entsprechender Vorbereitung durch Studenten systematisch und wissenschaftlich fundiert zu beginnen.
Nach mehreren lokalen Arbeiten Jenaer Studenten, von denen durch die Untersuchungen von Siegfried Claus, Catherine Lorenz, Edgar Seim und Isabell Tempel bereits verwertbare Vorleistungen geschaffen wurden, vermittelt Barbara Aehnlich in ihrer Dissertation auf 1493 Druckseiten im Rahmen des Projekts Flurnamen und Regionalgeschichte einen gründlich erarbeiteten Einblick in das Namengut von 82 in weiter Streuung ausgewählten Gemarkungen des westlichen Saale-Holzland-Kreises. Dazu wurden, entsprechend des hierfür erforderlichen methodischen Vorgehens, durch eingehende Sichtung des archivalischen Materials, durch mündliche Befragung und durch die Realprobe alle Voraussetzungen für eine sachgerechte Aufbereitung und Erklärung geschaffen. Für den Flurnamenforscher besonders wichtig ist das Bemühen um die Absicherung des Namengutes durch urkundliche Belege. Hier stehen für das Untersuchungsgebiet zahlreiche Urkundenbücher, Archivbestände, Karten und Aufzeichnungen aus älterer Zeit und Ortschroniken bereit, deren Belegmaterial zum Teil bis ins 15.Jh. zurückgreift, überwiegend aber aus dem 18./19. Jh. stammt.
2045 aktuelle und 2100 nicht mehr gebräuchliche Flurnamen konnten ermittelt werden, wovon nur die aktuellen im Namenbuch aufbereitet sind. Als problematisch erweisen sich mehrfach die wegen der Einheitlichkeit für die Festlegung des Lemmas genutzten „amtlichen Kennzeichnungen“, wie sie auf den Flurkarten angegeben sind, z.B. bei Nimmerkuh, wo das anlautende N- eine späte Erfindung ist, bei Liernzehen, wo die Endung -zchen > -zehen die Bedeutungserklärung erschwert. Daraus ergibt sich, dass – im Gegensatz zur Handhabung im Thüringischen Flurnamenarchiv –Ponzig und Punzig in Beutnitz als zwei selbstständige Lemmata erscheinen. Dabei handelt es sich um Einzelfälle, die aber verdeutlichen, dass Flurnamen in der schriftlichen Aufzeichnung durch die Schreiber unterschiedlich vereinnahmt wurden. Es ist anerkennenswert, dass mit dieser Arbeit nach den durch die Kollektivierung der Landwirtschaft zu DDR-Zeiten eingetretenen Wandlungen im Flurnamenbestand nachgegangen worden ist. Der Bestand an Flurnamen ist ja seit langer Zeit Veränderungen ausgesetzt. Der Umfang dieser Veränderungen ist für die ältere Zeit durch Beispiele aus dem Meißnischen an ausgewählten Beispielen angedeutet worden. 1951/52 konnte bei den Flurnamenaufnahmen in den Kreisen Grimma/Wurzen in 192 Gemarkungen ein Verhältnis von 7971 aktuellen zu 7478 untergegangenen Namen ermittelt werden. In den aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstandenen Hessischen Flurnamenbüchern gibt es auch entsprechende Hinweise.
Nach kurz gehaltenen Darlegungen zur Namentheorie, zur Geschichte der Flurnamenforschung, zu deren thüringischen Perspektiven und zur Charakteristik des Untersuchungsgebietes wird als Hauptteil das alphabetisch angeordnete Namenbuch S. 62–1336 dargeboten. Nach Lemma, Vorkommen und amtlicher Form aus Katasterkarten werden, entsprechend dem methodischen Vorgehen, Angaben zu Lage und zur heutigen Nutzung und die historischen Belege aufgeführt und anschließend die Analyse des Namens vorgenommen. Einbezogen werden auch die von geeigneten Personen ermittelten Mundartformen und die Realprobe. Dadurch unterscheidet sich die Flurnamenforschung von jeder anderen Art der Namenforschung, und dadurch ist bei der Arbeit mit 82 Gemarkungen ein erheblicher Aufwand an Zeit, Kraft und Geduld verbunden. Aber gerade durch diese Praxisverbundenheit, durch die direkten, persönlichen Beziehungen zum Namenbenutzer und die damit verbundenen indirekten Beziehungen zum benannten Objekt erhält diese Forschung ihren Eigenwert, abgesehen von der Tatsache, dass diesen Namen sowohl sprachgeschichtlich als auch dialektologisch beträchtlicher Wert zukommt. Volks- und Heimatkundler nehmen sich – mit und auch ohne erforderliche Eignung und Vorkenntnisse – dieser Namenklasse bei Führungen, Wanderungen gern an und tragen so zur Bewahrung – oder Verballhornung – bei. Durch Arbeiten wie die hier zu Besprechende kann erreicht werden, dass einerseits gesichertes Namenwissen bereitsteht und andererseits verdeutlicht wird, was alles erforderlich ist, wenn Flurnamen sachgerecht und richtig bearbeitet und erklärt werden sollen.
Das Namenbuch zeichnet sich durch Übersichtlichkeit, gute Lesbarkeit und fachliche Kompetenz aus. Es ist schon erstaunlich, wie viele Flurnamen die Zeit der landwirtschaftlichen Kollektivierung in der DDR überstanden haben. Und es ist – um es noch einmal zu sagen – erfreulich, dass dieses für die Sprach-, die Sozial- und die Wirtschaftsgeschichte so wertvolle Sprachgut in dieser Form aufbereitet und den Interessierten zugänglich gemacht wird.
In den zum Teil beachtlichen Reihen urkundlicher Belege herrschen die aus dem 18./19. Jh. eindeutig vor. Beachtlich ist aber auch, was bei einzelnen Gemarkungen für die vorangehende Zeit ab 15. Jh. ermittelt werden konnte. Dabei lässt sich beispielsweise für die als Lemma Leite/Lehdezusammengefassten Beispiele durchweg eine Trennung von Lehde und Leite erreichen. Als Lehdesind nur die Nummern 3, 6, 11 und die garstigen Lehden, die Alk-, die Hayn -, die Hinterlehde zu erklären. Alle anderen 24 Lemmata sind als Leite einzuordnen; dazu gesellen sich Bader-, Berg-, Birken-, Born-, Brüchigs-, Flachs-, Fuchs-, Galgen-, Gans-, Gemein-, Hahn-, Herrn-, Hirten-, Hopf-, Ilben-, Ilmens-, Kahl-, Kalk-, Kanz-, Kirsch-, Lämmer-, Lange, Loh-, Mittel-, Mühl-, Nuß-, Pferch-, Quer-, Sand-, Schenk-, Schloß-, Schulleite/-laide usw. Bei 9 dürfte der erste urkundliche Beleg fehlerhaft sein, denn ein Wandel Leite > Lehde ist sonst nur einmal bezeugt. Bei Geisenlehde wird nach den Belegen auf -leite im 18./19. Jh. dann Geisenleede/-lehde aufgezeichnet, so auch beiKuckucksleite (1718 Kuckslaiten, 1840 Kuckucksleite – 1960 -leede). Ein umgekehrter Vorgang vollzieht sich bei Molmsleite: 1787 Molmsleede, Lede überm Molms – 1814, 1922 Molmsleite.
Die für den ostmitteldeutschen Raum bedeutsame, aber schwierig zu ermittelnde Herausbildung des Flurnamens Lehde wurde 1970 und 1971 in zwei voneinander unabhängigen Beiträgen ausführlich dargetan. Dort wird auch ersichtlich, dass -ei-Formen bei Lehde bereits im 18. Jh. ausklingen.
Im Anhang werden unter 8. S. 1336–1389 die ausgestorbenen und die nicht-amtlichen Flurnamen für jede Gemarkung mit Quellenangaben dargeboten. Auch hier gibt es eine Fülle für den Flurnamenforscher aufschlussreicher Belege: Gelucken – Königsstuhl – Hasenbalg- Schirpel – Keßenlaufen usw.
Die S. 1390 bis S. 1461 unter 9. Quellenverzeichnis ortsweise zusammengestellten Angaben zu Flurkarten und historischen Belegen aus Urkundenbüchern, den Kreisarchiven und dem Thüringischen Flurnamenarchiv lassen zumindest erahnen, welche enorme, gut durchdachte, langwierige Arbeit allein schon für die Materialgrundlage aufgewandt werden musste. Dem umfangreichen Literaturverzeichnis und den Angaben zu Abbildungen und Abkürzungen folgt das abschließende Namenregister, mit dem die Flurnamen des Namenbuches für jede Gemarkung alphabetisch angeordnet zusammengestellt werden. Hier sind die unter 8. aufgeführten Namen nicht mit enthalten. Im Literaturverzeichnis werden auch die wenigen Leipziger Flurnamenarbeiten zumindest mit genannt; Wolfgang Fleischers Arbeit über Namen und Mundart im Raum von Dresden, für die sogar zwei Bände, die 11 und die 12, in den Deutsch-slawischen Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte bereitgestellt wurden, fehlt. Göschel, Eichler und L. Hoffmann werden für die Absicherung der Namenerklärungen genutzt.
Eine sprachlich-sachlich-gegenständliche Auswertung ist nicht vorgenommen worden. Es ist – wie die Arbeit von Gerbing – ein solides Namenbuch, in dem der Interessent alles findet, was zum Verständnis von Flurnamenbestand und Flurnamengebrauch erforderlich ist. Eine umfassende Auswertung würde die Untersuchung mindestens um ein Drittel vergrößern.
Bei den umsichtig, oft aber zu zaghaft vorgenommenen Namenerklärungen ergibt sich ein aufschlussreiches Verhältnis: Von den 2045 aktuellen Namen sind 62 eindeutig slawisch, 60 mehrdeutig slawisch. Unter den 181 mehrdeutigen sind weitere 17, die sowohl slawischen als auch deutschen Ursprungs sein können. 23 Flurnamen enthalten die Namen untergegangener Siedlungen, 41 sind „unklar“.
Hier wird sichtbar, was die Arbeit mit Flurnamen wesentlich bestimmt. Trotz intensiver, gut abgesicherter Tätigkeit kommt eine beachtliche Menge als Flurnamen verwendeter Benennungen zusammen, aber der wissenschaftliche Ertrag wird durch Benennungen nach Nachbarorten, für Verkehrswege, nach Bauten und Gebäuden, vor allem aber durch sprachlich nicht eindeutig zuzuweisende Belege stark beeinträchtigt. Mundartlich zu unterschiedlichen Zeiten veränderte, „volksetymologisch“ umgestaltete und von Schreibern und Kartografen ihren Auffassungen angepasste, hinsichtlich ihres Alters überwiegend schwer fixierbare Flurnamen erfordern Wissen, Feingefühl und Umsicht. Verfasserin hat bei Namen wie Petzlar, Latznolze, Grünigen auf die Problematik aufmerksam gemacht. Das Musterbeispiel Bonzig, Bunzig, Pönicke, Ponzig, 4x Punzigsowie das leider ausgesparte Pennecke verdeutlicht den Spielraum.
Andererseits sind die sachlichen Aufschlüsse über sprachliche, natürliche und wirtschaftliche Gegebenheiten, über Sehweisen und über ethnische Beziehungen so ausgeprägt, dass Flurnamen als Kulturgut einen unschätzbaren Wert besitzen. Auch dafür sind bei Barbara Aehnlich viele Beispiele zu finden, von denen hier nur wenige aufgezeigt werden können.
Unter den 62+60 Flurnamen slawischen Ursprungs von Alsche/Oelsche/Wälsche und Bruchlitzeüber Parnitz/Parnse und Plaue, Pflutzschke bis Wölmse und Zetel gibt es mit Ritschke, PrietschenBeispiele, die wegen ihrer weiten Verbreitung im Ostmitteldeutschen fast den Status von Lehnnamen erreicht haben. – Bei etwas erweiterter Sicht könnten die oben von Bonzig bis Punzig, Pennecke ermittelten Belege, für die zur Erklärung der Flurname Ponicke aus der Arbeit über Borna/Geithain bemüht wird, mit Prioritätsanspruch durch Punitzsch, Puntsch, Pöhnisch ergänzt und durch den Hinweis auf die Verbreitung in Ostchutici und bei Nutzung der weiteren Angaben fast im gesamten altsorbischen Gebiet nachgewiesen werden. Gerade auch bei diesem Namen zeigt sich der Wert der Ergänzung, der durch den Nachweis im westlichen Saale-Holzland-Kreis erbracht wird.
Die dem Nutzer überlassene Ermittlung kann ergeben, dass nicht nur mit Naturnamen wiePflutschke ‚Sumpf‘, Prießnitz ‚Birkenhain‘, sondern auch mit Kulturnamen wie Tünschke‚Umzäunung‘, Schocken/Zschocke ‚Zwieselpfahl‘ eine breite Palette an für den Menschen bedeutsamer Gegebenheiten bereits in der Zeit der slawischen Besiedlung mit ihnen entsprechenden Namen versehen wurde, wobei es für die Ponicke-Namen keine gleichwertige deutsche Entsprechung gibt, hier also offensichtlich zwei Sehweisen vorliegen.
Im ehedem altsorbischen Gebiet finden sich beim Vergleich mit Saale-Holzland-Kreis in den gedruckt vorliegenden Arbeiten viele Parallelbeispiele zu Gadsche, Golze/Gölsche, Görze, Lutsche, Plaue, Prießen/Prießnitz, Prietzsche, Prösigen, Rützschke, Salitz u.a. Mit den eindeutig zugeordneten Namen wird hier also Pionierarbeit geleistet.
Eine auffällige Besonderheit des untersuchten Gebietes ist die sehr stark hervortretende Verwendung von Präpositionalbildungen, auch als sekundäre Namenbildung bezeichnet. Würden alle zugehörigen Lemmata aus dem Belegmaterial herausgenommen, würde sich der Namenbestand sehr stark reduzieren.
Neben der Orientierung auf besonders markante Gegebenheiten wie Dorf als Simplex mit 43 Belegen von überwiegend im bis am, vor dem, hinterm, unterm, überm stehen bescheidene sieben Namen mit Dorf- als Erstglied.
Überwiegend als Simplizia, unterschiedlich mit Präposition ausgestattet und als Bestimmungswort aufgewertet, sind vertreten: 43 Dorf (27 im, 16 hinter dem, 12 unter dem, vor dem, 8 über dem, 4am) – 24 Aue – 19 Berg (15 Präp. + 11 BW + 364 GW) – 17 Garten (16 Präp.) - 16 Quere (8 Präp. + 8 BW) – 12 Wiese (5 + 5 BW) – 11 Straße – 10 Treibe/Trebe (7 Präp.) und Tal (15 BW+5Tälchen) – 10 Hahn/Hain – Sand, Kirche, Melm – See, Bach, Roth – Teich, Linde, Warte, Mühle, Grund.In den 24 Belegen für das Lemma Aue sind 12 mit Adjektiven ergänzte enthalten. Auch bei den 23Anger gibt es hinsichtlich der Festsetzung der Lemmata Probleme, weil die festgelegten amtlichen Formen nicht mit der von der Verfasserin ermittelten urkundlichen Überlieferung übereinstimmen. So ist bei 7Anger im Anger unter den 30 urkundlichen Belegen in älterer Zeit nur einmal bezeugt. Ähnliches gilt für 11 und 18. Eigentlich sollten Bearbeiter solch großer Sammlungen das Recht haben, sachgerechte Lemmata zu verwenden und auf die „amtlichen Kennzeichnungen“, die meist von Schreibern stammen, nur verweisen.
Bei den Gewannbezeichnungen gibt es – wie auch sonst im Ostmitteldeutschen – keine eindeutige Dominanz. Eine Besonderheit ergibt sich aber daraus, dass 14 Gelänge und 13 Gebind gegenüberBreite, 6 Gebreite und 3 Gefilde so stark vertreten sind, Art und Gewende aber fehlen.
Da es nicht die Aufgabe einer Rezension ist, eine nicht vorhandene Auswertung nachzuvollziehen, sollen abschließend noch einige Ergebnisse vorgestellt werden, die aus unterschiedlicher Sicht den Wert dieser Veröffentlichung verdeutlichen können.
Vorangestellt sei die Vielfalt der auf Vergleich oder Übertragung beruhenden Namen wie Daumen, Kröpfchen, Schmerbauch – Kuhtanz, Schindhund – Trichter, Schaufel, Zange, Scheere, Winkeleisen, Haken, Zinke, Dorl ‚Kreisel‘, Küchenschüssel – Trompete/Trompte, Laute – Brustlappen, Latzholz – Schleife, Schlinge – Scheibe – Leistchen – Strumpf, Strümpfe, Strümpfel, Tasche – Juchhe, Himmelreich, Himmelstreppe, Paradies, -garten – Hölle, Höllgrund, Teufelsberg, -loch – 17 Gehre, Kerbe – Bier-. Hanf-, Quarksack – Käsenapf.Auch die Vielfalt der Geländevertiefungen schlägt sich in den Flurnamen nieder. Außer dem oben bereits erörterten Tal gehören Mulde, Kessel, Kluft/Klüfte, Schlufter, Kerbe, Klinge, Grund, Auehierher.
Dem bei vielen Namenwörtern bezeugten Gebrauch als Simplex stehen die auf Personennamen und -bezeichnungen beruhenden Einzelgänger zur Seite: Rückardt, Trümpling – Apolter – Schreiber, Schütze, Schröter, Schinger.Sehr stark ausgeprägt gegenüber anderen Gegenden sind Namen, die auf Kirchenbesitz hinweisen: 7 Kirche, Kirchlein, 8 BW – 16 Pfaffen- – 22 Pfarr-, darunter 9 Pfarrholz – Kloster, Frauen – Küster, Kanter – 4 Mönch, 2 Münch-.Die 9 Baumgärten, die 22 Born-Namen, die 11 Esel-, die 18 Gries-, 11 Hopfen-, 5 Hanf-, die 17Weinberge, 9 Vogelherde+ Vogelgesang, -grund, -wand, -ställchenLerchenpferche, Saffer-/Saffran- und andere Mehr- und Vielfachvertretungen weisen auf Besonderheiten verschiedener Art.
Dem Dialektologen kommen zahlreiche -icht-Bildungen zu Gesicht: Greudicht, 13 Weidicht, Filzweidig – Eichicht, Erlich(t)/Ehrlich/Ellerig, Häßlich, Dörnicht, Siericht, Birkicht, Espig – 3Wehricht/Wiehricht. Das epenthetische -t herrscht vor.
Hier konnten und sollten nur einige Ergebnisse genannt werden. Die Dissertation von Barbara Aehnlich darf mit Fug und Recht zu den Leuchttürmen der Flurnamenforschung gestellt werden. Baar hat alles zu einer auch vom Äußeren her repräsentativen Veröffentlichung gemacht. Ein großartiger Anfang ist gemacht, mögen noch viele weitere – mit bescheidenerer äußerer Gestaltung – folgen zur Veranschaulichung des volkssprachlichen Namengutes, das uns in den Flurnamen entgegentritt.
Nachtrag
Zum methodischen und fachwissenschaftlichen Vorgehen in der Arbeit von Barbara Aehnlich gibt es Parallelen in vergleichbaren Vorhaben der 60er Jahre am Pädagogischen Institut Zwickau, wo 69 Deutschlehrerstudenten in Staatsexamensarbeiten in 454 Gemarkungen überwiegend im Bezirk Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) nach Einführung und Archivarbeit mit Mundartaufnahmen bei rund 400 Gewährsleuten und Realprobe das Flurnamenmaterial aufbereiteten (1966 9, 1967 11, 1968 16, 1969 12, 1970 11, 1971 10 Arbeiten). 1966, 1968 und 1969 wurden diese Ergebnisse in die drei Zwickauer Tagungen „Namenkunde und Schule“ einbezogen. Daran nahmen Wissenschaftler, Lehrer, Ortschronisten und Heimatkundler teil. 1970 wurde die Arbeit an diesem Projekt per Anweisung verboten, weil angeblich die LPG-Vorsitzenden in ihrer Tätigkeit behindert worden waren. Auf Umwegen gelang es, das Material des Ostteils des Bezirkes zu einer Dissertation weiterzuführen, die Fritz-Peter Scherf 1982 an der Karl-Marx-Universität Leipzig verteidigte. Die Staatsexamensarbeiten wurden im Keller des Instituts eingelagert und sind bis auf die von Scherf dann genutzten verschwunden.
Aus mehreren Veröffentlichungen ist zu ersehen, wie damals diese Forschung aufgebaut und geführt wurde:
Zur Einbeziehung der Studenten in die Namenforschung. WZ PH Zwickau 3, 1967, H. 2, S. 42-54
Zum Einsatz der Studenten bei der Erforschung des Namengutes. NI 15, 1969, 42-47
Zu einigen Fragen des wissenschaftlich-produktiven Studiums. WZ PH Zwickau 5, 1969, H. 2, 21-49
Zu einigen Fragen der forschungsbezogenen Lehre. WZ PH Zwickau 6, 1970, H. 1, 23-64
Zusammen mit drei weiteren Projekten (Rufnamen, LPG-Namen, Zwickauer Sprachgeschichte 15./18. Jh.) wurden die Flurnamen kurzerhand liquidiert. H.N.
Empfohlene Zitierweise
Horst Naumann: [Rezension zu] Barbara Aehnlich, Flurnamen Thüringens. Der westliche Saale-Holzland-Kreis, Hamburg 2012, in: Onomastik-Blog [16.04.2014],
URL: http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/flurnamen_shk/