Tuesday, December 2, 2014

Rez.: Rosen in Ortsnamen

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Heinz-Dieter Krausch: Rosen in Ortsnamen. Zur 100-Jahrfeier des Ostdeutschen Rosengartens in Forst (Lausitz), Cottbus: Regia Verlag 2013, 52 S. – ISBN: 978-3-86929-223-6, Preis: EUR 10.00 (DE), 10.30 (AT).
 
Rezensiert von Walter Wenzel, Leipzig
Das Thema hatte der Verfasser bereits vor Jahren in einem größeren Aufsatz behandelt. (Anm. 1) Seine damalige Studie liegt nun in erweiterter Form vor, zusätzlich ausgestattet mit zahlreichen mehrfarbigen Fotos. Anlass bildete die 100-Jahrfeier des Ostdeutschen Rosengartens in Forst (Lausitz), der 2009 als „Deutschlands schönster Park“ geehrt wurde.
Obgleich unter den Zier­pflanzen, die bei der Ortsnamengebung im deutschen Sprachgebiet eine Rolle spielen, die Rose an erster Stelle steht, geht die neuere namenkundliche Literatur auf die Beweggründe für die Wahl dieses Lexems und ihre kulturgeschichtlichen Hintergründe höchstens gelegentlich am Rande mit ein. Nach Darlegung der botanischen, historischen und sprachwissenschaft­lichen Grundlagen arbeitet Verf. acht Motivationskategorien heraus, die er nicht nur allgemein beschreibt, sondern stets durch zahlreiche Beispiele, oft mit historischen Belegen versehen, illustriert.
Erstens: Poetische Namengebung. Hierbei geht es bei der Benennung um einen wohlklingen­den Namen, der zugleich die Schönheit des Ortes und seiner Umgebung anzeigen oder auch nur vorspiegeln soll. Derartige Namen schuf man vor allem beim hochmittelalterlichen Landesausbau, wobei die Lokatoren oder ihre Auftraggeber beabsichtigten, neue Siedler anzulocken, weshalb man hier auch von Werbenamen spricht. Die Namen aus diesem Motivationsbereich lassen sich darüber hinaus als Wunschnamen bezeichnen, die zum Aus­druck bringen sollten, dass der neue Heimatort in schöner Umgebung liegen und günstige Siedlungsbedingungen bieten möge. Ein mit dem Bestimmungswort Rose- gebildeter Name konnte ferner auf Grund seiner positiven Konnotation eine anstößig oder abwertend wirkende Benennung ersetzen, wie das z.B. bei Scheißendorf (nso.Zasrjew < *Zaserjow, zu sraśseru ʻseine Notdurft verrichtenʼ) geschah, das seit 1672 im Deutschen dann Rosendorf hieß. Aus einem ähnlichen Anlass taufte man im 18. Jahrhundert im Kreis Pößneck Hungersdorf (< PN Huninger) in Rosendorf um. Die meisten Ortsnamen mit dem Bestimmungswort Rosen- entstanden im Hochmittelalter, aber auch später wurden noch Namen dieses Typs gebildet, so im 16. Jahrhundert bei der Benennung von neu angelegten Guts- und Einzelsiedlungen oder in der Gegenwart bei Ortszusammenschlüssen. Insgesamt kamen hierbei ca. 20 Grundwörter zur Verwendung, am häufigsten -tal-dorf-feld-au-berg, -garten-hagenund -hain. Einen jeden dieser Ortsnamen unterlegt Verf. mit einer Anzahl von Beispielen aus dem gesamten dt. Sprachgebiet, aber auch aus den Nachbarländern Polen, Tschechien und der Slowakei, verein­zelt mit kurzen historischen Kommentaren versehen. So vermerkt er unterRosental, dass bei der Wahl dieses Namens die biblische Wendung von der Rose im Tal, bei Luther eyn rose ym tal, mit im Spiele sein kann.
Eine zweite Gruppe bilden die heraldischen Namen. Viele Adelsgeschlechter wählten im Mittelalter die Rose als Wappenbild, und bei der Benennung von Burgen griff man vielfach auf solche Wappenbilder zurück. So kamen RosenburgRosenbergRosenstein u.a. auf, wobei diese Namen von den Burgen dann oft auf die bei ihnen entstandenen Siedlungen übergingen. Als Beispiel wird u.a. Rosenheim in Oberbayern angeführt, 1232 castrum de Rosenheim, benannt nach dem Wappen des Burgengründers Graf Konrad v. Wasserburg (mit 3 Rosen belegter Schrägbalken). Nach von Reitzenstein bedeutete der Name ursprünglich ʻWohnstätte des Rosoʼ oder ʻWohnstätte der Rosaʼ, Rose wurde erst später eingedeutet. (Anm. 2)
Das zuletzt genannte Beispiel leitet schon über zur dritten Gruppe, den Rosen-Ortsnamen, die auf Personennamen zurückgehen. So beruht Rosenfeld bei Görlitz auf dem Namen des Grundherrn v. d. Rosen. Namen dieses Typs, bei denen es sich eigentlich nicht mehr um echte Rosen-Orts­namen handelt, sind nicht sehr zahlreich.
Eine vierte Gruppe setzt sich aus religiös motivierten Namen zusammen. Im Mittelalter galt die Rose als Marienblume, weshalb öfters Klöster, Kirchen und Kapellen sowie die bei ihnen angelegten Siedlungen zu einem Rosennamen kamen. Die Dörfer Rosental bei Kamenz und bei Görlitz stehen offenbar im Zusammenhang mit den benachbarten Zisterzienser-Nonnen­klöstern St. Marienstern bzw. St. Mariental, weshalb man hier von monastischer Namen­gebung sprechen kann. Diese darf man auch bei den Rosen-Ortsnamen im früheren Ordens­land Preußen annehmen, da der Deutsche Ritterorden die Marienverehrung pflegte. So gab es ein Alt- und Neu-Rosengarth bei Marienburg, 1296-99 Rosengarten, heute poln. Rożany.
Eine fünfte Gruppe beinhaltet Rosen-Ortsnamen aus Flurnamen. Das Bestimmungswort Rose-wurde bei der Kennzeichnung solcher Geländeteile verwendet, auf denen auffällig viele Rosensträucher wuchsen. Da die europäische Wildrose sonnige, warme und trockene Stand­orte bevorzugte, bezogen sich die Namen oft auf Abhänge und Bodenerhebungen. Rosen­flurnamen sind keineswegs selten. Nach schriftlicher Mitteilung von Horst Naumann gibt es im Raum um Grimma und Wurzen 5 mal Rosental, 2 mal Rosengarten, je einmal Rosenberg-bach-bergwiese,-wiese-allee-steg. 1284 wird in Ermland, heute Polen, eine silvam dictam vulgariter Rosinwaldgenannt, und das in der Nähe gegründete Dorf erhielt den Namen Rosenort, poln. dann Różaniec.
In einer sechsten Gruppe geht es Verf. um die häufigen Ortsnamen Rosengarten, bei deren Entstehung recht unterschiedliche Beweggründe gewirkt haben können, darunter auch das tatsächliche Vorhandensein von Rosengärten (Rosarien), d.h. von Gärten, in denen vorzugs­weise Rosen kultiviert werden. Manchmal handelt es sich auch um metaphorische Benennun­gen für schön gelegene paradiesische Orte, wozu sich der Rosengarten, eine wildzackige Felskette der Südtiroler Dolomiten, rechnen lässt. Nicht unerwähnt bleibt Rosengarten als Bezeichnung für einen Friedhof. Sie geht zurück auf das römische Totenfest der Rosalia, an dem man Rosen auf die Gräber zu legen pflegte.
Eine siebte Gruppe besteht aus Ortsnamen, die aus Gasthausnamen hervorgingen. Die Rose wurde öfters als Zeichen für Häuser gewählt, insbesondere für Gasthäuser. Als Namen von Landgasthäusern, die an alten Landstraßen lagen, konnten sie leicht auf dort entstehende Wohnplätze und Ortsteile übergehen.
Seltener ist die in der achten und letzten Gruppe erwähnte ironische Namengebung, bei der eine Siedlung in einer unwirtlichen Gegend einen Rosennamen erhalten konnte.
Das abschließende Kapitel behandelt „unechte“ Rosennamen, die u.a. durch mehrere Beispiele aus der Niederlausitz belegt werden, darunter durch Lieberose, dessen Stadtwappen, wie aus der beigegebenen Abbildung ersichtlich, unter zwei Türmen eine Rose ziert. Der Name hat, entgegen seiner volksetymologischen Deutung, nur indirekt etwas mit Liebe und schon gar nichts mit Rose zu tun, denn er lautete im Altnso. *Luboraź < *Luboradjь ʻSiedlung des Luboradʼ, wobei das Vorderglied des Vollnamens auf urslaw. *ľubъ ʻlieb, teuerʼ beruht. Es folgen noch weitere Beispiele alteuropäischer, germanischer bzw. deutscher, romanischer oder, wie im Fall von Lieberose, slawischer Herkunft, in die auf Grund äußer­licher Gleichheit des Namens oder eines seiner Bestandteile mit dem Wort Rose die Bezeich­nung der Zierpflanze eingedeutet wurde. Das Buch endet mit einem Quellen- und Literatur­verzeichnis.
Kritisch ist lediglich zu vermerken, dass zu wiederholten Malen bei slawischen Namen die diakritischen Zeichen fehlen, so bei tschech. Rozmberk statt richtigem Rožmberk, poln. Róznowostatt Różnowo u.a., die im Beitrag von 1986 alle korrekt erscheinen, weshalb diese Fehlschreibungen dem Verlag oder der Druckerei, nicht aber dem Autor anzulasten sind.
Eine zukünftige, noch zu schreibende „Vergleichende Ortsnamenmotivationslehre“ wird an der erkenntnisreichen Abhandlung von Heinz-Dieter Krausch nicht vorübergehen können. Sie sollte in keiner Handbibliothek eines germanistischen oder slawistischen Namenforschers fehlen. Dass auch bei slawischen Ortsnamen die Bezeichnung der Rose, nso. roža, oso. róža, poln. róża, tschech.růže, russ. roža neben roza, eine gewisse Rolle spielt, zeigt Vl. Šmilauer in seinem „Handbuch der slawischen Toponomastik“, wobei zu beachten bleibt, dass manche dieser Namen von deutschen Bildungen ihren Ausgang nahmen. (Anm. 3) Auch die fünfzehn mit Rosen- gebildeten Ortsnamen Sachsens erscheinen durch die Ausführungen des Autors in einem neuen Licht und werden in Bezug auf ihre Motivation und Entstehung noch besser verständlich. (Anm. 4)
Anmerkungen
(1) Krausch, Heinz-Dieter: Rosen in Ortsnamen, in: Namenkundliche Informationen 50 (1986), 32-47.
(2) Reitzenstein, Wolf-Armin Frhr. v.: Lexikon Bayerischer Ortsnamen, München 2006, 234.
(3) Šmilauer, Vladimír, Příručka slovanské toponomastiky, Praha 1970, 154.
(4) Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen, hg, von Ernst Eichler und Hans Walther, bearbeitet von Ernst Eichler, Volkmar Hellfritzsch, Hans Walther und Erika Weber, Berlin 2001, Bd. 2, 305-307.
Empfohlene Zitierweise
Walter Wenzel: [Rezension zu] Heinz-Dieter Krausch, Rosen in Ortsnamen, Cottbus 2013, in: Onomastik-Blog [25.11.2014], URL:http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/rosen_in_ortsnamen/
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