Tuesday, June 14, 2016

Wie Thüringer Orte zu ihren Namen kamen

http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Wie-Thueringer-Orte-zu-ihren-Namen-kamen-685852955

Von Lederhose bis Drogen: Welchen Ursprung Ortsnamen in Thüringen haben, erklärt der Leipziger Namensforscher Jürgen Udolph.



Weimar. Dort, wo einst die Mönche wohnten, leben nun die Einwohner von München. Sie sind 89 an der Zahl. Die Rede ist von den Thüringer Münchnern im Ortsteil von Bad Berka (Weimarer Land). Die anderen Münchner aus Bayern (1,38 Millionen) könnten diese wohl in einem großen Mietshaus unterbringen. 


München hier und dort zeigt, wie in unterschiedlichen Regionen die gleichen Ortsnamen entstehen können. Urkundlich ist das Thüringer München 1115 als ad monachos (zu den Mönchen) erwähnt worden und war damit gar 43 Jahre früher dran als der Ort an der Isar. 


Alle Orte haben ganz klein angefangen, sagt der Leipziger Namenkundler Jürgen Udolph, emeritierter Professor für Onomastik, Namensforschung. Einfach sei die Herkunftsbestimmung des Ortsnamens nicht, erklärt er. Schließlich gebe es keine naturwissenschaftlichen Methoden, die eindeutige Erkenntnis bringen. Und so grübeln Namensforscher beispielsweise über Gerstungen bei Eisenach, was das Gerst bedeutet. Gerste ist eine Kulturpflanze und komme für die Wortschöpfung eher nicht in Frage, meint Udolph. Ortsnamen werden öfter von Flurbezeichnungen oder Besitzern abgeleitet. Wo zum Beispiel die Endung -leben auftritt Walschleben, Elxleben oder Herbsleben war nicht etwa viel Leben im Ort. Die Endung kommt aus dem Gotischen leiba, das die Hinterlassenschaft benennt. Davor steht immer ein Vorname. In Walschleben soll sich ein Mönch namens Walo angesiedelt haben, der dem Flurstück seinen Namen gab und das Land weitervererbte.

In Thüringen ist neben der Endung -leben auch -stedt verbreitet, erklärt Udolph. Der Ursprung ist hierbei aber leichter zu erklären: stedt weist auf eine Siedlungsstätte hin. Auch die Endung -feld beschreibt einen größeren Landschaftsraum. Durch Ansiedlungen ist später daraus ein Städtename entstanden. Auch Hausen verstehen wir noch, sagt Udolph. Als Dativ Plural bezeichnet er das Gebiet bei den Häusern. Der noch junge Ortsname ist mehrmals in Thüringen zu finden: im Eichsfeld, im Ilm-Kreis und im Kreis Gotha. Vermutlich brachte die fränkische Besiedlung (5. bis 7. Jahrhundert) den Ortsnamen in das Gebiet. Er findet sich viel häufiger in Bayern und Baden-Württemberg.

Thüringen birgt auch einzigartige Ortsnamen, die der Fantasie freien Lauf lassen. Lederhose beispielsweise. Der bayrische Einfluss auf die im Kreis Greiz gelegene Gemeinde sei allerdings gering. Jürgen Udolph vermutet hinter hose vielmehr die Bezeichnung einer Flur, die die Form des Kleidungsstückes hat. Nachweislich hat der Beinschmuck schon im 14. Jahrhundert zu Namensgebung beigetragen. Sprachwissenschaftler wiederum glauben, den slawischen Namen Ludorad zu erkennen. Lederhose als Ort des Ludorad ist für Udolph keine befriedigende Antwort, da die Endung -hose nicht erklärt wird. 


Auf einen alten Namen blicken die Sömmerdaer zurück. Der Name Sumarithi stammt noch aus Zeiten germanischer Besiedlung. Das Suffix ithi verweist dabei auf das Grundwort sumar, das Sommer bedeutet. Die nahe bei Erfurt Lebenden verdanken ihren Titel also der Südhanglage.

Die Endung -furt ist ein Hinweis auf jene Zeiten, in denen über Flüsse noch keine Brücken führten. Die Untiefen mussten zu Fuß oder mit Fahrzeugen durchquert werden. Die bekannteste Furt in Thüringen ist man ahnt es Erfurt.


Ebenfalls mit Wasser hat die Endung -mar zu tun. Mari oder meri steht für stehendes Gewässer. Sie benannte Orte mit dieser Eigenschaft, später hat sich daraus ein Ortsname entwickelt wie Weimar.

Gerade in Ostthüringen finden sich viele slawisch geprägte Ortsnamen, die später eingedeutscht wurden. Caaschwitz im Kreis Greiz ist 1295 erstmals als Kazswicz oder Kaswitz urkundlich erwähnt worden. Udolph vermutet, dass die Grundform Kaovici einen Vornamen bildete wie Kazimir. Möglich ist aber auch Grütze die Übersetzung vom Slawischen kaa. Gera wiederum sei kein einfacher Fall. Namensforscher grübelten lange, bis ein Pfarrer aus Südhessen eine Deutung brachte: Gera kommt von gären, das das Sprudeln eines Flußabschnittes der Weißen Elster bezeichnet.

Wer in und um Drogen wohnt, kann die Geschichte des regelmäßigen Schilder-Stibitzen durch Witzbolde nicht mehr hören. Dabei ist das kleine Dorf ein liebes, zumindest vom Namen her. Der slawische Ursprung leitet sich aus einem Namen mit dem Stamm drog- ab, was lieb bedeutet.

So eigen mancher Ortsname scheint, ohne eine geografische Einordnung könnte er auch nach Hessen oder Bayern gedeutet werden. Wissenschaftler wie Udolph fahren daher in die Orte und merken: Breitungen an der Werra ist wirklich ein breiter, also langgezogener Ort. 


Der Namensforscher Hans Walther hatte bis zu seinem Tod eine große, allerdings unveröffentlichte Ortsnamen­sammlung zusammenstellt. Heimatvereine und Privatpersonen forschen ebenfalls. Das letzte Wort zu einigen Orten ist also noch nicht gefallen.


Katja Dörn / 11.06.16 / TLZ