Saturday, January 3, 2015

Rez.: Die Stadt und ihre Namen (II)

http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/rez_die_stadt_und_ihre_namen_ii/

Die Stadt und ihre Namen. 2. Teilband, hg. von Dietlind Kremer und Dieter Kremer (= Onomastica Lipsiensia 9), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2013, 451 S. – ISBN 978-3-86583-815-5, Preis: EUR 49.00 (DE), EUR 50.40 (AT).
Rezensiert von Friedhelm Debus, Schierensee
Dass sich der Vertreter einer Stadt darüber freut, wenn in eben dieser eine wissenschaftliche Tagung über städtische Namen stattfindet, und dass er selbst mit Stolz auf namenprägende berühmte Persönlichkeiten ausführlicher eingeht, zeigt das den Band eröffnende Grußwort des ersten Bürgermeisters der Stadt Leipzig, Andreas Müller. Im ersten Teilband hatte Dietlind Kremer in ihrem Beitrag Die Stadt und ihre Namen auf die „Fülle der Themen“ im städtischen Lebensraum hingewiesen und mit Blick darauf eine Fortsetzung der ersten Tagung als Notwendigkeit angemahnt (36). Das beeindruckende Ergebnis dieser Folgetagung liegt nunmehr mit dem hier anzuzeigenden Band vor.
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Wie schon im ersten Teilband (Besprechung) überwiegen auch hier wiederum die den Lokalbezug Leipzig überschreitenden Untersuchungsbereiche sowohl in nationaler als auch in internationaler Sicht. Damit wird erneut bestätigt, wie wichtig für die Namenforschung der Blick über die Grenzen ist und wie notwendig die Interdisziplinarität der Untersuchungen erscheint. Zwei Beiträge betreffen besondere Themen und gehen gleichermaßen von wort­geschichtlichen Betrachtungen aus: Enno Bünz verfolgt in seinem Beitrag Der Burg-Name in der Stadt. Beobachtungen vornehmlich in Mitteldeutschland (11-26), wie recht früh dieses Wort durch Schloss abgelöst wurde und dennochBurg in zahlreichen Namen (z.B. Straßen­namen) hauptsächlich seit der frühen Neuzeit fortlebt und natürlich auch in der Bezeichnung Bürger für die Stadtbewohner. Im Übrigen regt er an, die bisher unzureichend erforschten Burg- und Schlossnamen umfassender zu untersuchen. Im sehr aufschlussreichen Beitrag „Der ‘Bauer’ in der Stadt“ (51-63) von Leopold Schütte geht es nicht etwa um Bauern, die in der Stadt wohnen, wovor die Anführungszeichen warnen sollen, sondern um „interne Aufteilungssysteme für Städte“ (51), auch z.T. als Viertel bezeichnet. In etymologischen Streifzügen erhellt er, dass „bauen“ ursprünglich ‘sein’ und ‘wohnen’ bedeutet und dass in nicht wenigen westfälischen Städten die Bezeichnung „Bauerschaft“ für Wohn- bzw. Stadt­viertel (altbūrschappen) üblich ist. Hier ergibt sich dann auch die Nähe zu civis. „Ein būr in der Stadt ist […] ein ‘mit allen Rechten Wohnender’. Als Stadtbewohner ist der civis und der būr erst zu erkennen, wenn er als burgensis ‘Bürger’ bezeichnet wird“ (59), womit eine Brücke zum erstgenannten Beitrag gegeben ist.
Vier Beiträge betreffen die Stadt Leipzig: Hans Walther untersucht Leipziger Ratsmit­gliedernamen als Immigrantenzeugnisse (65-84). Zu den vollständig wiedergegebenen Namen von 1270-1500 geht der Verf. „Spuren der Leipziger Stadtsprache“ kenntnisreich nach. Dietlind Kremer greift ein Thema auf, das bisher über Leipzig hinaus in der Forschung kaum eine Rolle gespielt hat: Die ältesten Leipziger Kirchenbücher als namenkundliche Quelle (365-404). Die unter verschiedenen Bezeichnungen existierende Textsorte ist namenkundlich außerordentlich ergiebig. Hier schlummern wahre Schätze, die zu heben sich in mehrfacher Hinsicht sehr lohnt. Das zeigt Dietlind Kremer in schöner Weise in einer ersten Auswertung der handschriftlichen Quellen. Ihr Beitrag, der durch zahlreiche, in der Regel von ihr selbst fotografierte Abbildungen und Namenstatistiken angereichert ist, sollte zu weiteren Unter­suchungen anregen. Ihr unterstützenswerter Vorschlag, diese Thematik in einer namenkund­lichen Tagung zu behandeln – vielleicht 2017, dem 500. Gedenkjahr der Reformation (366). Das wäre dann knapp 20 Jahre nach der denkwürdigen Mainzer Tagung über Stadtbücher als namenkundliche Quelle, worauf sie eingangs hinweist. Gabriele Rodriguez geht in ihrem Beitrag Akademische Namen? Universitätsmatrikel als namenkundliche Quelle (405-419) der Frage nach, ob bestimmte Vornamen sozialen Schichten zugeordnet werden können. Das ist für die neuere Zeit annäherungsweise, für die ältere wegen fehlender einschlägiger Angaben nicht oder kaum möglich. Schließlich beschreibt Jens Blecher in seinem Beitrag Matrikel, Edition, Applikation. Sozialgeschichtliche Aspekte von akademischen Personaldatenbanken (421-433) die Verfahren der Erfassung der Leipziger Studenten seit 1409 und mögliche Schlussfolgerungen aus den verzeichneten persönlichen Informationen in den Matrikeln.
Ebenfalls vier Beiträge befassen sich mit Namen in anderen deutschen Städten: Claudia Maria Korsmeier berücksichtigt in ihrem Aufsatz Zur lautlichen Entwicklung früher westfälischer Städte(111-133) die mittelalterlichen bis etwa 1350 entstandenen Städte Westfalens und beschreibt ihre lautlichen Besonderheiten, soweit solche vorkommen. Sehr nützlich ist dabei die Liste der alphabetisch geordneten Namen mit u.a. Erstbelegen und Kurzdeutungen als Anhang. Christopher Kolbeck beschreibt Namen in den ältesten deutschsprachigen Quellen der Stadt Straubing nach ihrer Häufigkeit mit Einzelbeispielen (135-143), d.h. Personen-, Fluss- und Ortsnamen, die in den Quellen des 14. Jahrhunderts begegnen. Kristin Loga behandelt Viertel- und Straßennamen der Stadt Bremen (195-214). Es handelt sich dabei nur um die rezenten Viertelnamen der insgesamt 19 Stadtteile. Zusätzlich werden Siedlungen in und um Bremen genannt, deren Namen Grundwörter enthalten, die auf Wasser Bezug nehmen. Von den sehr zahlreichen Straßennamen berücksichtigt die Autorin lediglich diejeni­gen der Altstadt. Abschließend erwähnt sie ein erwünschtes „historisch ausgerichtetes Straßennamenlexikon“ (211), an dem sie arbeitet. Schließlich behandelt Rosa Kohlheim das interessante Thema Das vergangene Erscheinungsbild der Stadt im Spiegel heutiger Straßen­namen. Die Stadt Bayreuth als Beispiel (215-223), womit sie ihren Beitrag im 1. Teilband um einen weiteren Aspekt ergänzt.
Mit insgesamt 8 Beiträgen, die in vielfältiger Weise eine willkommene Bereicherung dar­stellen, wird die nationale Grenze überschritten. Zwei Beiträge betreffen die Stadt bzw. den Kanton Basel: Gabriela Signori greift mit Hausnamen oder die Taxionomie städtischer Grundherrschaft im spätmittelalterlichen Basel (27-50) ein Thema auf, das sie insofern berei­chert, als sie für die Stadt Hausnamen als „ein zentrales Herrschafts- und Klassifizierungs­instrument“ mit strukturbildender Funktion darstellen kann (45). Inga Siegfried / Jürgen Mischke beschreiben mit ihrem Beitrag „Eine Stadt und ihre Namen: Das Namenbuch Basel-Stadt (435-447) ein auf drei Bände geplantes und bereits weit fortgeschrittenes Projekt, das neben der Stadt Basel die Landgemeinden Riehen und Bettingen umfasst und sich in eine Reihe weiterer vorbildlicher kantonaler Namenbuchprojekte fügt. Die Autoren behandeln die bereits vorliegende vollständige Sammlung des Namenmaterials in rezenter und historischer Perspektive und zeigen exemplarisch am Beispiel Grosspeter die zum gelungenen Analy­seergebnis führende Arbeitsweise. Es wäre zu wünschen, dass solche Namenbücher auch in Deutschland als Vorbilder Wirkung zeigten! Karlheinz Hengst behandelt in bewährter Weise Die Namen von Städten in Nordwest-Böhmen nördlich der Ohře / Eger vom 12. bis 16. Jahr­hundert (85-109) und kommt unter Einbeziehung mehrerer Abbildungen und bedingt durch die gesamteuropäisch-positive Entwicklung zu bemerkenswerten Ergebnissen in diesem ehemals über Jahrhunderte existierenden Sprachkontaktraum mit ausgeprägter Interkulturali­tät. Erika Waser lenkt die Aufmerksamkeit wiederum auf die Schweiz mit ihrem besondere Objekte beschreibenden Beitrag Turm und Tor. Namen der Stadtbefestigung von Luzern (145-193), ausgestattet mit Abbildungen und einer alphabetisch geordneten erklärenden Liste der 78 Turm- und Tornamen. Natalja Vasil’eva untersucht Namen auf russischen Stadtplänen unter linguo- und soziokulturellem Aspekt: ‘Rote Namen’ auf dem Stadtplan von Moskau (226-238). Es handelt sich um Namen, die mit dem Adjektiv rot (russ. krasnyj) gebildet sind, wobei rot drei Bedeutungen hat: ‘schön’, Farbe ‘rot’, ‘revolutionär’. Die Autorin verfolgt die entsprechende Benennung am Beispiel der 52 einschlägigen Namen von Moskau. Es zeigt sich, dass die Erstbedeutung veraltet und die Drittbedeutung sich mehr und mehr durchgesetzt hat. Renāte Siliņa-Piņke beschreibt nach einem Kämmerei-Register die Rufnamen in Riga im 15. Jahrhundert: Überlegungen über eine schichtenspezifische Namengebung (239-252). Die insgesamt 104 männlichen Rufnamen (Frauennamen gibt es lediglich 8) werden nach den drei Schichten Geistlichkeit, Oberschicht und Mittelschicht nach Häufigkeit und Verteilung in mehreren Tabellen erfasst. Signifikante schichtenspezifische Unterschiede sind eher nur spärlich feststellbar. Dieter Kremer sieht sich in seinem umfangreichen anregenden Beitrag Namen von Personen im Lissabon des 16. Jahrhunderts (253-326) mit einer großen Fülle von Namen (Vor-, Zweit-, Familiennamen) konfrontiert, die er nach verschiedenen Gesichts­punkten mit tabellarischen Übersichten und Auflistungen untersucht, aber nach eigener Aussage längst nicht erschöpfend. Da werden weitere interessante Detailfragen sichtbar, denen nachzugehen sehr lohnend wäre. Abschließend formuliert der Autor eine Themenliste, „von Lissabon im 16. Jahrhundert ausgehend“ (291). Anhänge verzeichnen die „Männe­rnamen a. 1565“, „Frauennamen a. 1565“, „Zweitnamen a. 1565“ und „Drei genealogische Beispiele“. Sehr informativ ist der Beitrag von Monika Choroś und
Łucja Jarczak Zur Umbenennung deutscher Straßennamen durch die polnische Verwaltung (am Beispiel Opole) (351-364). Sie formulieren angesichts der „chaotischen Bezeichnungs­praxis der Nachkriegsjahre […] einige grundlegende Prinzipien“ der polnischen Namen­gebung (360) und stellen rückblickend fest: „Man änderte damals nicht nur die einstigen deut­schen Orts-, Flur- und Straßennamen, sondern brach zugleich mit der gesamten kultur­geschichtlichen Tradition der Benennung, indem man für die neue Verwaltung wichtige Bestandteile des historischen Gedächtnisses herausstellte.“ (363)
Abschließend sei der Beitrag von Volker Kohlheim genannt, der die literarische Onomastik in die Thematik des Bandes einbringt: Urbanonyme in der Literatur: Funktion und Status (327-350). Betroffen sind hauptsächlich Straßen- und Platznamen, die in der Literatur recht häufig vorkommen, aber in der wichtig gewordenen literarischen Onomastik „nur eine margi­nale Rolle spielten“ (328). Es ist daher sehr zu begrüßen, dass der Autor hier nach ihrer Bedeutung und ihrem Stellenwert im literarischen Werk fragt und mit feinem Gespür dies an mehr oder weniger bekannten Werken aufzeigt: gewiss eine Bereicherung des inhaltsreichen schön ausgestatteten Bandes, der zusammen mit dem 1. Teilband zahlreiche Ergebnisse bringt und auf nicht wenige lohnenswerte weitere Themen hinweist. Insofern bleibt zu wünschen, dass beide Bände die künftige Forschung befruchten.

Empfohlene Zitierweise
Friedhelm Debus: [Rezension zu] Die Stadt und ihre Namen 2, hg. von Dietlind Kremer und Dieter Kremer, Leipzig 2013, in: Onomastikblog [12.12.2014], URL:http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/rez_die_stadt_und_ihre_namen_ii/
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