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Tuesday, March 26, 2019

Vortrag "Bedeutung der Flurnamen"

Link

Flurstücknamen in Everswinkel können viel erzählen aus der langen Zeit seit der Urbarmachung vor vielen Jahrhunderten. Während Flurstücke in den amtlichen Katasterkarten nur mit Nummern registriert sind, haben Bürger früherer Zeiten jedem Flurstück auch einen Namen gegeben.

„Diese Namen wurden nicht wahllos vergeben, so dass noch heute viele Rückschlüsse auf die frühere Nutzung, den früheren Besitzer, die Lage bis hin zum Zeitpunkt der Urbarmachung gezogen werden können“, weiß Josef Beuck, Vorsitzender des Heimatvereins.
Und darum geht es auch in einem Vortrag, zu dem der Heimatverein alle Interessierten am Donnerstag, 28. März, um 19.30 Uhr ins Pfarrheim einlädt. Als Referenten konnte der Heimatverein Gisbert Strotdrees gewinnen. Den Lesern des Landwirtschaftlichen Wochenblatts ist der Referent bekannt von seiner Seriendokumentation zu eben diesem Thema.

Wednesday, March 29, 2017

Tagung 2017 "Toponyme - eine Standortbestimmung"

http://www.namenforschung.net/tagungen/toponyme/

Vom 18. bis zum 19. September 2017 findet in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz eine internationale Tagung zur Toponomastik statt.

Die Erforschung der Ortsnamen (= Toponyme, d.h. Namen aller kartographisch erfassbaren und ortsfesten Objekte) weist eine traditionsreiche Geschichte auf, die sich lange Zeit v.a. im Paradigma einer historisch-philologischen Namenlexikographie bewegte und materialreiche Grundlagenwerke hervorgebracht hat (von Ernst Förstemann, Adolf Bach u. a.). Allerdings hat dieser Forschungszweig in den letzten Jahrzehnten eine schrittweise Marginalisierung innerhalb des Wissenschaftsbetriebs erfahren, die am sichtbarsten darin zum Ausdruck kommt, dass toponomastische Inhalte heute nur noch selten im Studium vermittelt werden. Doch nicht nur in den akademischen Curricula, sondern auch im Forschungsprofil der meisten Universitäten bilden Ortsnamen mittlerweile ein randständiges Thema, wenngleich sich die Situation hier in verschiedenen Teilen des deutschen Sprachgebiets unterschiedlich darstellt. Während beispielsweise die Schweizer Ortsnamenlexikographie trotz ihrer kantonalen Verfasstheit in der Regel noch universitär angebunden ist, kam es in Westdeutschland schon früh (insbesondere seit dem Scheitern des "Neuen Förstemann") zu einem kontinuierlichen und weitreichenden Rückgang der universitären Toponomastik.
Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, eine Standortbestimmung vorzunehmen und zu fragen, welche Zukunft diese Forschungsrichtung haben kann. Der Schwerpunkt der Tagung liegt deshalb auf der Eröffnung neuer Perspektiven für die toponomastische Forschung, die die notwendige traditionelle Namenlexikographie flankieren sollen. Dabei sollen insbesondere neue Gegenstände, Fragestellungen, Perspektiven und Methoden erschlossen und Schnittstellen zu Nachbardisziplinen ausgelotet werden, die weiterführende Forschungsvorhaben anstoßen können. Die Tagung wendet sich daher nicht nur an Vertreterinnen und Vertreter der linguistischen Namenforschung, sondern auch anderer linguistischer Teildisziplinen (z. B. Dialektologie), der Geschichts- und historischen Hilfswissenschaften, der Archiv- und Bibliothekswissenschaften, der Geographie, der Archäologie, der Digital Humanities, der Kultur- und Literaturwissenschaften etc. und will somit zu interdisziplinärem Austausch anregen.

Als mögliche Themen bieten sich u.a. an: wenig erforschte Arten von Toponymen (z.B. inoffizielle Ortsnamen), grammatische Untersuchungen (z.B. Genus, Artikelgebrauch wie bei der Iran vs. Iran), Namenklassenwechsel (z.B. Flur- wird zu Stadtteilname), (Um-)Benennungsstrategien und -moden (z.B. Bildung neuer Gemeinde- und Stadtteilnamen), Umgang mit und Nutzung von Big Data, Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung, Visualisierung von Daten, Möglichkeiten der Kartierung etc.
Wir freuen uns auf Ihren Themenvorschlag in Form eines Abstracts (maximal eine DINA4-Seite) bis zum 31.04.2017 sowie über Ihre Anmeldung als Teilnehmer/Teilnehmerin bis zum 31.08.2017 per E-Mail an: E-Mail
Organisation: Kathrin Dräger (Mainz), Rita Heuser Mainz), Michael Prinz (Zürich)

Wednesday, August 17, 2016

Der Ortsname Ziegenfauze in der Oberlausitz

http://www.onomastikblog.de/artikel/namen-spiegel/der-ortsname-ziegenfauze-in-der-oberlausitz/



Der Ortsname Ziegenfauze in der Oberlausitz als Rätsel in der Presse

Die "Sächsische Zeitung" vom 29. Juli 2016 (auch online nachlesbar) bietet unter der Überschrift "Ärger in Ziegenfauze" die Mitteilung, dass das Ortsschild zum wiederholten Male gestohlen worden sei. Und das liege eben an dem als originell empfundenen Ortsnamen. Auch "kämen ganze Reisebusbesatzungen hier vorbei, um sich das Schild anzuschauen." Allerdings gebe es bisher für die Entstehung des Namens "keine endgültige Erklärung. Man nimmt an, dass die Leute hier einst Ziegen hielten und irgendwann einmal einer Ziege, die nicht zum Bock wollte, eine Ohrfeige, oder auf Ostsächsisch eine 'Fauze' versetzten."



Im 2001 erschienenen Lexikon "Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen" sowie auch in den regionalen Vorgängerbänden zur Oberlausitz ist der Name Ziegenfauze nicht enthalten.
Bei dem kurios anmutenden Ortsnamen handelt es sich um eine lokale Prägung für eine ursprünglich kleine Siedlung in Steinbruchnähe aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der Straße von Bautzen nach Löbau. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist dieser kleine Ort weiter gewachsen und schließlich sogar als Neukubschütz gekennzeichnet worden. Die Bauern des benachbarten Kubschütz aber hatten der kleinen Ansiedlung bereits im 19. Jahrhundert den Namen Ziegenfauze verliehen.

Das sogar im Internet verzeichnete "Ziegenfauze" in der Lausitz ist leicht erklärbar: Das hier so deutsch erscheinende Grundwort Fauze ist rückentlehnt aus obersorb. fawca 'Ohrfeige, Schlag' und dieses wiederum ist aus dem gleichbedeutenden mitteldeutschen Wort Faunze entlehnt. Das Sorbische kennt keine Diphthonge und hat daher das deutsche <au> mit dem in der Aussprache am nächsten kommenden <aw> wiedergegeben. Das -n- ist dabei in der entstandenen Konsonantenhäufung -wnc- im Sorbischen geschwunden.

In dem spöttisch gemeinten Ortsnamen wird auf die im Vergleich zu einem Bauerndorf auffällig kleine Ortsflur Bezug genommen, eben - natürlich mit Übertreibung - so winzig wie die Fläche bei einem "Ziegentritt, -schlag". Solche Überhöhungen sind gern zum Spott genutzt worden. So lässt sich z. B. vergleichen Flöhzunge für eine Ansiedlung auf einem durchaus längeren Flurstück, das sich von einer Ortsflur aus seitlich erstreckt. Und für eine kleine Ansiedlung bei Gaußig bei Bautzen ist Ende des 19. Jahrhunderts Ziegendorf verwendet worden (E. Eichler, H. Walther, Ortsnamenbuch der Oberlausitz. Berlin 1975, S. 381).

Das im Zeitungsartikel am Schluss genannte "ostsächsische Fauze" ist auch im vierbändigen "Wörterbuch der obersächsischen Mundarten" für die Lausitz verzeichnet, während das Deutsche sonst nur Faunze kennt. Ganz abwegig und falsch ist aber die Deutung mit der Ohrfeige für die Ziege. Solche Spottnamen wurden immer von den Bewohnern in Nachbarorten gegeben. Und es steckte stets mehr dahinter als etwa solch ein Klaps für eine Ziege!
Karlheinz Hengst

Friday, September 25, 2015

Rez.: Die deutschen mundartlichen Ortsnamen Südtransdanubiens

http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-on-suedtransdanubien/

Josef Schwing: Die deutschen mundartlichen Ortsnamen Südtransdanubiens (Ungarn) [A Magyar Névarchívum Kiadványai 22 [Veröffentlichungen des Ungarischen Namenarchivs 22], Debrecen: Debreceni Egyetemi Kiadó [Verlag der Universität Debrecen] 2011, 213 S. – ISBN: 978-9-6331-8129-4, Preis: EUR 39,00 (DE).
Nachfolgend erscheint die deutsche Übersetzung einer bereits auf Ungarisch erschienenen Rezension:
Károly Gerstner: [Rezension zu] Josef Schwing, Die deutschen mundartlichen Ortsnamen Südtransdanubiens (Ungarn) [Dél-dunántúli német nyelvjárási helynevek], in: Névtani Értesítö 34 (2012), S. 257–260.
URL der Originalrezension: https://edit.elte.hu/xmlui/bitstream/handle/10831/6721/N%C3%8934.pdf?sequence=16(Link zum Zeitschriftenheft).
Rezensiert von Károly Gerstner, Budapest
Die Ortsnamen enthalten außer der Denotation eines gegebenen Objekts im Raum zahlreiche andere Informationen. Diese sind primär sprachlicher Natur, denn die Namen – gleich welche Rolle sie im Sprachsystem einnehmen – fungieren als sprachliche Zeichen; dementsprechend werden sie durch phonologische, morphologische, semantische und sonstige Merkmale charakterisiert. Diese Merkmale können selbstverständlich regional (d. h. mundartlich) bedingt sein, sie können auch auf unterschiedliche Verbindungen zu anderen Sprachen verweisen, und sich so mehrere phonologische und morphologische Varianten herausbilden. Diese Charakteristiken der Ortsnamen erscheinen auch in nennenswertem Maße in den Toponymensammlungen verschiedener Komitate, die derart auch für Untersuchungen auf den genannten sprachwissenschaftlichen Gebieten als Quelle dienen können.
Auch der Autor der Studie, die den Gegenstand der vorliegenden Besprechung bildet, Josef Schwing, stellte fest, dass mehrere Varianten eines Siedlungsnamens in der näheren oder weiteren Umgebung der jeweiligen Siedlung entstehen können. Diese Beobachtung machte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des „Pfälzischen Wörterbuchs“. In diesem Wörterbuch erscheinen unterschiedliche Typen von geographischen Namen. Josef Schwing wurde auch auf die in Ungarn vorkommenden mundartlichen Varietäten der Ortsnamen aufmerksam. Er selbst stammt aus Palotabozsok, einem Dorf in der Baranya, und hat in der zurückliegenden Zeit Tonaufnahmen der der südtransdanubischen deutschen Mundarten durchgeführt, die in dialektologischer Hinsicht sehr vielfarbig sind. (Die Besprechung der Monographie über die Namen der Stadt Pécs siehe NÉ. 2011. 33: 299–303.) Der Autor hat während seiner Feldarbeiten beobachtet, dass die Gewährspersonen den Namen eines Ortes in zahlreichen Versionen verwenden – das war die eine Motivation seiner Arbeit. Die andere aber war der Tatbestand, dass die Namenformen auf den Ortseingangsschildern der von Deutschen bewohnten Dörfern in vielen Fällen nicht den von den Sprechern verwendeten Formen entsprechen – wie dies der Autor mit Fug und Recht feststellt.
Das Namenmaterial stammt aus den Aufnahmen, die er in den Komitaten Baranya, Somogy und Tolna in 220 Orten durchgeführt hat, weitere Daten konnte er unter den von den nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland ausgewiesenen Deutschen aus Südtransdanubien gewinnen. Während der Aufnahmen notierte er die deutschen mundartlichen Namen sämtlicher Ortschaften (d. h. nicht nur den oder die von den Informanten angegebenen Namen des eigenen Ortes), des Weiteren die Mundartformen der den Informanten bekannten größeren Städte des Karpatenbeckens – sofern es mundartliche Benennungen gab. Für Székesfehérvár gab es zwei Lexemvarianten:Stuhlweißenburg bzw. Weißenburg; für diese fand der Autor dreiundzwanzig verschiedene Mundartvarianten. Schwierigkeiten bereitete das Finden authentischer Gewährspersonen, denn der Sprachwechsel war in einem sehr fortgeschrittenen Zustand, deshalb konnten schon in 1990er Jahren für die Auskunft nur die ältesten Sprecher herangezogen werden. All dies ist im Vorwort des Bandes (vi–vii) zu lesen. 
Es folgen drei Karten: die erste zeigt die Orte, in denen Sammelarbeiten durchgeführt wurden; die zweite zeigt die Bevölkerungsverhältnisse nach den Angaben der Volkszählung 1941; die dritte zeigt die Verbreitung und die Herkunft der deutschen Ortsmundarten der Region. (Dieselben Karten erhielten jedoch im Kartenverzeichnis auf Seite xxxi die Kennzeichnungen A, B, C.)
Der anschließende Abschnitt des Buches fasst die Struktur und die Herkunft der Ortsnamen Südtransdanubiens zusammen (xi–xx). Das erste Unterkapitel ist eine kompakte, korrekte Übersicht der Typologie und Geschichte der ungarischen Ortsnamen. Es werden die von Familien-, Sippen- Stammes- und Volksnamen mit Null-Morphem abgeleiteten (unflektierten) Ortsnamen, die mit -i und -d Suffix, mit -falu und -falva gebildeten Namen etc. besprochen. Das zweite Unterkapitel behandelt kurz die Eigentümlichkeiten der ungarischen Mundarten der Region. Als Charakteristikum nennt er die im Vergleich zur ungarischen Umgangssprache geschlosseneren e-Laute, die im Gegensatz zur Umgangssprache häufig erscheinenden ö-Laute (die sogenannte ö-Aussprache), das geschwundene l, das Ersatzdehnung zur Folge hatte. Wir erfahren von der für die ungarischen Mundarten des Gebiet charakteristischen Kürzungen der Laute íő und ú, wodurch mundartliche Namen wie HidvégHorvátkut etc. entstanden. Für das ő gibt es kein Beispiel – meines Erachtens kann es auch keins geben, denn das ő wird nicht gekürzt. Dagegen lautet der „amtliche“ Name Gyűd mundartlich Gyüd, d. h., es müsste ein ű unter Beispielen für Kürzung stehen.
Das dritte Unterkapitel befasst sich mit den deutschen Formen der Ortsnamen. Josef Schwing stellt fest, dass es sich mit wenigen Ausnahmen um Entlehnungen ungarischer Ortsnamen handelt, deren Lautstruktur dem jeweiligen Lautsystem der entlehnenden deutschen Ortsmundarten angeglichen wurden – auch dann, wenn die ungarischen Namen letztendlich deutscher Herkunft sind. Ein solcher Name ist Zsibrik, in dem sich der deutsche PersonennameSiegfried verbirgt. Er wird zu Schiwwereck umgeformt. Hier erfahren wir über die die Vokal- und Konsonantensysteme sowie über die Eigenheiten der Wortakzentuierung der deutschen Mundarten Südtransdanubiens (xiv–xvii). In den deutschen mundartlichen Ortsnamen finden wir Bildungssuffixe, z. B. -ing-ingen-au-isch, die auch im Binnendeutschen vorkommen. Diese sind volksetymologisch aufgrund der Lautähnlichkeit (oder -gleichheit) mit den Endungen der ungarischen Namen entstanden und haben keine Derivationsfunktion. Angesprochen werden die Rolle der Volksetymologie im Zusammenhang mit der Entlehnung (2.3.2.2.) sowie die Ortsneckerei (2.3.2.3.). Wie auch Josef Schwing schreibt, gehören diese Fragen nicht zur Namenkunde, sie sind eher folkloristische Erscheinungen. Trotzdem hat er sie einbezogen, einerseits, weil sie viele mundartliche Merkmale enthalten, andererseits, weil sie auch soziokulturelle Bezüge haben. Der Verfasser merkt an – wie wir es bezüglich der ungarischen Namen kennen –, dass die meisten Ortsnecknamen inhaltlich abschätzig und häufig derb sind, jedoch haben sich die Deutschen nur unter sich geneckt, andere Volksgruppen spielen dabei fast gar keine Rolle (xviii).
Unter Punkt 2.3.3. erfahren wir, dass in den 1940er Jahren der Versuch unternommen wurde, die von den Ungarndeutschen gebrauchten mundartlichen Namen deutscher Orte durch schriftsprachliche Übersetzungen der amtlichen ungarischen Ortsnamen (z. B. Ófalu > Altdorf), oder durch Neukonstruktionen (z. B. Palotabozsok >Pfalzborn) zu ersetzen. Die Bewohner von Palotabozsok verwendeten nach wie vor die Kurzform dieses Namens:Boschok [ˈpoʒok]. Aus anderen Regionen könnte man zahlreiche derartige Beispiele bringen. Sie haben eines gemeinsam: dass die deutsche Bevölkerung diese „Konstrukte“ in keinem einzigen Fall angenommen, zumeist davon nicht einmal erfahren hat.
Diesbezüglich wird ein ähnliches, jedoch aus anderem Anlass entstandenes Problem angesprochen. In den 1970er Jahren wurden unter den ungarischen Ortseingangsschildern der von ethnischen Minderheiten bewohnten Dörfern Tafeln mit den Ortsnamen in der Muttersprache der Minderheit angebracht. Die gute Absicht ist unbestreitbar, die sprachliche Umsetzung jedoch in zahlreichen Fällen höchst unbefriedigend. Man musste nach Möglichkeit die mundartlichen Varianten in die deutsche Schriftsprache transponieren. Dadurch ergaben sich manche Schwierigkeiten, da viele Ortsnamen Laute enthielten, die mit dem deutschen Alphabet nicht wiedergegeben werden konnten. Josef Schwing erwartete in dieser Frage mit Recht mehr „Wissenschaftlichkeit“ – es wäre vielleicht angebracht diese Frage in zuständigen Foren aufzugreifen. (Anmerkung: nicht nur die deutschen, sondern auch einige slowakische Ortsnamen auf diesen Tafeln sind problematisch.) In Punkt 2.4. wird auf die kroatischen bzw. serbischen Ortsnamen kurz eingegangen, von denen einige in die deutschen Mundarten gelangten, jedoch kamen die meisten über den ungarischen „Filter“ ins Deutsche.
Der Abschnitt 2.5. behandelt unter der Überschrift „Weiterbildung“ die Deklination und Derivation der ungarischen, deutschen, serbokroatischen und mit einem Beispiel der zigeunerischen Ortsnamen.
Vor dem Teil B, der Wortsammlung, finden wir noch wichtige Informationsabschnitte des Apparats, auf achteinhalb Seiten zweispaltig das umfangreiche Quellenverzeichnis (xxii–xxx), anschließend auf zwei Seiten das Kartenverzeichnis. Kartiert sind die Orte, die verschiedene Varianten ihres mundartlichen Namens haben. Punkt 6 enthält die Zeichen des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) und weitere Zeichen sowie die Abkürzungen. Sämtliche Namen der deutschen Mundarten sind phonetisch eng transkribiert und gewährleisten die recht genaue Wiedergabe der Lautform. Da jedoch dieses wissenschaftliche Transkriptionssystem nur von Fachleuten gelesen werden kann, gibt der Autor dazu auch volkstümliche Umschriften an. Die wichtigste ist vom ihm konstruiert, weitere Schreibungen wurden aus der Sammlung der geographischen Namenwörterbücher bzw. aus der Karte mit dem Titel „Die Deutschen in Ungarn“ (deren Besprechung siehe in: NÉ. 1997. 19: 139–142).
Den Hauptteil des Werkes bildet sinngemäß die Wortsammlung, das eigentliche Wörterbuch (1–213). Die Stichwörter der Wortartikel sind die ungarischen amtlichen Namenformen, alphabetisch geordnet. Es sind sämtliche Ortsnamen der drei südtransdanubischen Komitate verzeichnet, für die eine oder mehrere Mundartformen vorliegen (diesen schließen sich einige Orte des Komitates Fejér, der Batschka und der kroatischen Baranya an).
Die Wortartikel bestehen aus vier Teilen. 1. der ungarische Teil mit dem amtlichen ungarischen Ortsnamen (Stand 1941), dessen Lokalisierung: Komitat, Kreis, Koordinaten nach der Karte I.; umgangssprachliche Aussprache mit IPA-Transkription; ungarische (und südslawische) Mundartformen aus den geographischen Namenbüchern der Komitate; historische Belege (wo welche vorhanden sind) und Etymologie, deren primäre Quelle das FNESz. (Földrajzi nevek etimológiai szótára [Etymologisches Wörterbuch der geographischen Namen]) darstellt. – 2. der deutsche Teil: die deutschen Mundartformen in der IPA-Umschrift; die in den Komitatswörterbüchern vorhandenen deutschen Mundartformen; verschiedene konstruierte Namenformen. Wenn ein mundartlicher Name verschiedene Varianten hat, sind diese auf einer Karte dargestellt, dadurch ist deren geographische Distribution ersichtlich. – 3. mundartliche Ortsnecknamen und Anekdoten (wenn vorhanden), ebenfalls in IPA-Aufzeichnung und schriftsprachlicher Transposition. – 4. statistische Daten, auf der Volkszählung von 1941 basierend (ethnische und religiöse Verbreitung; Anzahl der Häuser).
Die Wortartikel bieten also außergewöhnlich viele Informationen, deren Übersichtlichkeit auch durch zahlreiche Karten gestützt wird. Zwar werden manche Namen durch die Symbole verdeckt, durch Vergleich des Kartenausschnitts mit der Karte I können sie jedoch identifiziert werden. Der Ortsname Kakasd in der Tolnau ist für vierzig Orte mit sechzehn phonetischen Varianten benannt. Pest, das Grundwort von Budapest, hat vier Mundartformen. Der vorliegende Band unterscheidet sich in dieser Beziehung wesentlich von den Namensammlungen der Komitate, denn hier war (nur) die phonematische Aufzeichnung gefordert.
Josef Schwing hat im letzten Moment eine hoch einzuschätzende Sammelarbeit durchgeführt, denn die Sprecher der deutschen Mundart werden von Tag zu Tag weniger. Das immense Material hat er nach minuziöser Analyse veröffentlicht, womit er auch der deutschen Dialektologie einen Dienst erwies. Die verschiedenen Namenformen der Wortartikel sind auch hinsichtlich sprachlicher Kontakte nutzbringend, wie auch die Beiträge zur Volkskunde unsere Kenntnisse über die Denkweise der Sprecher bereichern. Das Werk hat seinen wohlverdienten Platz in der Reihe der Publikationen des Ungarischen Namenarchivs [A Magyar Névarchívum Kiadványai].
Dr. Károly Gerstner, PhD
Empfohlene Zitierweise
Károly Gerstner: [Rezension zu] Josef Schwing, Die deutschen mundartlichen Ortsnamen Südtransdanubiens (Ungarn), Debrecen 2011, in: Onomastikblog [24.07.2015], URL: www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-on-suedtransdanubien (dt. Übers. d. ungar. Or.).
Dieser Blogartikel und das zugehörige PDF-Dokument sind lizenziert unter CC BY 3.0 DE.
Die Titeldaten für das rezensierte Werk finden Sie im DNB-Katalog.

Saturday, June 6, 2015

Ortsnamen: Eine Weide oder eine Furt?

http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/Eine-Weide-oder-eine-Furt-id34258282.html


In unserer Serie betrachten wir den Ursprung Langweids einmal näher
Von Jürgen Dillmann
Unsere heutige Gemeinde liegt etwa 15 Kilometer nördlich von Augsburg am Lech. Bedeutend für die Entwicklung des einst ländlich strukturierten Ortes war der Bau des Lechkanals und des bis heute umweltfreundlich Strom liefernden Wasserkraftwerks Anfang des 20. Jahrhunderts.
Ein Teil der historisch bedeutsamen Anlage ist mittlerweile übrigens zu einem weithin renommierten, sehr sehenswerten Strommuseum umgebaut worden. Höhepunkt ist eine trockengelegte, begehbare Turbine, die das Funktionieren der Wasserkrafttechnik veranschaulicht.
All das ist sicher. Unsicher dagegen sind die Herkunft und auch die tatsächliche Bedeutung des Namens Langweid.
Im Gebiet des Ortes siedelten bereits die Römer und später, so belegen Reihengräberfunde, befand sich hier eine alemannische Niederlassung. Im Jahr 1143 wird die Siedlung als Lanchwate erstmals in einer Urkunde erwähnt.
Namen für Orte an Flüssen sind nicht selten
Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich die Schreibweise, sicherlich auch mundartlich beeinflusst: Languatun, Lanqait, Lanckwayt, um nur einige aufzuzählen. Im Internet präsentiert sich heute die Gemeinde als „expandierende Insel in einer langen Weide“. Klingt gut, doch diese Deutung halten die Ortsnamen-Experten Walter Pötzl und Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein für fragwürdig.
Beide halten eine andere Bedeutung für wahrscheinlicher. Als Grundwort bietet sich das althochdeutsche Wort für Furt, nämlich wat, an. Unstrittig ist die Bedeutung der ersten Silbe, denn althochdeutsch heißt lanc lang. Demzufolge würde Langweid Siedlung an der langen, also seichten Stelle, an der man den Fluss überqueren konnte, kurz: Ort an der Furt bedeuten. Derlei Namen für Orte an Flüsse sind nicht selten, man denke beispielsweise an das unterfränkische Ochsenfurt oder auch an Frankfurt.
Ein Bezug zur Lage am Lech findet sich auch im seit dem Jahr 1955 geführten Wappen der Gemeinde. Gespalten von Rot und Silber durchquert schräg von oben rechts nach links ein stilisierter blauer Fluss das Wappen. Die Farben Rot und Silber weisen auf die Zugehörigkeit zum Augsburger Domkapitel hin.

Saturday, January 3, 2015

Rez.: Die Stadt und ihre Namen (II)

http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/rez_die_stadt_und_ihre_namen_ii/

Die Stadt und ihre Namen. 2. Teilband, hg. von Dietlind Kremer und Dieter Kremer (= Onomastica Lipsiensia 9), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2013, 451 S. – ISBN 978-3-86583-815-5, Preis: EUR 49.00 (DE), EUR 50.40 (AT).
Rezensiert von Friedhelm Debus, Schierensee
Dass sich der Vertreter einer Stadt darüber freut, wenn in eben dieser eine wissenschaftliche Tagung über städtische Namen stattfindet, und dass er selbst mit Stolz auf namenprägende berühmte Persönlichkeiten ausführlicher eingeht, zeigt das den Band eröffnende Grußwort des ersten Bürgermeisters der Stadt Leipzig, Andreas Müller. Im ersten Teilband hatte Dietlind Kremer in ihrem Beitrag Die Stadt und ihre Namen auf die „Fülle der Themen“ im städtischen Lebensraum hingewiesen und mit Blick darauf eine Fortsetzung der ersten Tagung als Notwendigkeit angemahnt (36). Das beeindruckende Ergebnis dieser Folgetagung liegt nunmehr mit dem hier anzuzeigenden Band vor.
PortraitDebus.jpg
Wie schon im ersten Teilband (Besprechung) überwiegen auch hier wiederum die den Lokalbezug Leipzig überschreitenden Untersuchungsbereiche sowohl in nationaler als auch in internationaler Sicht. Damit wird erneut bestätigt, wie wichtig für die Namenforschung der Blick über die Grenzen ist und wie notwendig die Interdisziplinarität der Untersuchungen erscheint. Zwei Beiträge betreffen besondere Themen und gehen gleichermaßen von wort­geschichtlichen Betrachtungen aus: Enno Bünz verfolgt in seinem Beitrag Der Burg-Name in der Stadt. Beobachtungen vornehmlich in Mitteldeutschland (11-26), wie recht früh dieses Wort durch Schloss abgelöst wurde und dennochBurg in zahlreichen Namen (z.B. Straßen­namen) hauptsächlich seit der frühen Neuzeit fortlebt und natürlich auch in der Bezeichnung Bürger für die Stadtbewohner. Im Übrigen regt er an, die bisher unzureichend erforschten Burg- und Schlossnamen umfassender zu untersuchen. Im sehr aufschlussreichen Beitrag „Der ‘Bauer’ in der Stadt“ (51-63) von Leopold Schütte geht es nicht etwa um Bauern, die in der Stadt wohnen, wovor die Anführungszeichen warnen sollen, sondern um „interne Aufteilungssysteme für Städte“ (51), auch z.T. als Viertel bezeichnet. In etymologischen Streifzügen erhellt er, dass „bauen“ ursprünglich ‘sein’ und ‘wohnen’ bedeutet und dass in nicht wenigen westfälischen Städten die Bezeichnung „Bauerschaft“ für Wohn- bzw. Stadt­viertel (altbūrschappen) üblich ist. Hier ergibt sich dann auch die Nähe zu civis. „Ein būr in der Stadt ist […] ein ‘mit allen Rechten Wohnender’. Als Stadtbewohner ist der civis und der būr erst zu erkennen, wenn er als burgensis ‘Bürger’ bezeichnet wird“ (59), womit eine Brücke zum erstgenannten Beitrag gegeben ist.
Vier Beiträge betreffen die Stadt Leipzig: Hans Walther untersucht Leipziger Ratsmit­gliedernamen als Immigrantenzeugnisse (65-84). Zu den vollständig wiedergegebenen Namen von 1270-1500 geht der Verf. „Spuren der Leipziger Stadtsprache“ kenntnisreich nach. Dietlind Kremer greift ein Thema auf, das bisher über Leipzig hinaus in der Forschung kaum eine Rolle gespielt hat: Die ältesten Leipziger Kirchenbücher als namenkundliche Quelle (365-404). Die unter verschiedenen Bezeichnungen existierende Textsorte ist namenkundlich außerordentlich ergiebig. Hier schlummern wahre Schätze, die zu heben sich in mehrfacher Hinsicht sehr lohnt. Das zeigt Dietlind Kremer in schöner Weise in einer ersten Auswertung der handschriftlichen Quellen. Ihr Beitrag, der durch zahlreiche, in der Regel von ihr selbst fotografierte Abbildungen und Namenstatistiken angereichert ist, sollte zu weiteren Unter­suchungen anregen. Ihr unterstützenswerter Vorschlag, diese Thematik in einer namenkund­lichen Tagung zu behandeln – vielleicht 2017, dem 500. Gedenkjahr der Reformation (366). Das wäre dann knapp 20 Jahre nach der denkwürdigen Mainzer Tagung über Stadtbücher als namenkundliche Quelle, worauf sie eingangs hinweist. Gabriele Rodriguez geht in ihrem Beitrag Akademische Namen? Universitätsmatrikel als namenkundliche Quelle (405-419) der Frage nach, ob bestimmte Vornamen sozialen Schichten zugeordnet werden können. Das ist für die neuere Zeit annäherungsweise, für die ältere wegen fehlender einschlägiger Angaben nicht oder kaum möglich. Schließlich beschreibt Jens Blecher in seinem Beitrag Matrikel, Edition, Applikation. Sozialgeschichtliche Aspekte von akademischen Personaldatenbanken (421-433) die Verfahren der Erfassung der Leipziger Studenten seit 1409 und mögliche Schlussfolgerungen aus den verzeichneten persönlichen Informationen in den Matrikeln.
Ebenfalls vier Beiträge befassen sich mit Namen in anderen deutschen Städten: Claudia Maria Korsmeier berücksichtigt in ihrem Aufsatz Zur lautlichen Entwicklung früher westfälischer Städte(111-133) die mittelalterlichen bis etwa 1350 entstandenen Städte Westfalens und beschreibt ihre lautlichen Besonderheiten, soweit solche vorkommen. Sehr nützlich ist dabei die Liste der alphabetisch geordneten Namen mit u.a. Erstbelegen und Kurzdeutungen als Anhang. Christopher Kolbeck beschreibt Namen in den ältesten deutschsprachigen Quellen der Stadt Straubing nach ihrer Häufigkeit mit Einzelbeispielen (135-143), d.h. Personen-, Fluss- und Ortsnamen, die in den Quellen des 14. Jahrhunderts begegnen. Kristin Loga behandelt Viertel- und Straßennamen der Stadt Bremen (195-214). Es handelt sich dabei nur um die rezenten Viertelnamen der insgesamt 19 Stadtteile. Zusätzlich werden Siedlungen in und um Bremen genannt, deren Namen Grundwörter enthalten, die auf Wasser Bezug nehmen. Von den sehr zahlreichen Straßennamen berücksichtigt die Autorin lediglich diejeni­gen der Altstadt. Abschließend erwähnt sie ein erwünschtes „historisch ausgerichtetes Straßennamenlexikon“ (211), an dem sie arbeitet. Schließlich behandelt Rosa Kohlheim das interessante Thema Das vergangene Erscheinungsbild der Stadt im Spiegel heutiger Straßen­namen. Die Stadt Bayreuth als Beispiel (215-223), womit sie ihren Beitrag im 1. Teilband um einen weiteren Aspekt ergänzt.
Mit insgesamt 8 Beiträgen, die in vielfältiger Weise eine willkommene Bereicherung dar­stellen, wird die nationale Grenze überschritten. Zwei Beiträge betreffen die Stadt bzw. den Kanton Basel: Gabriela Signori greift mit Hausnamen oder die Taxionomie städtischer Grundherrschaft im spätmittelalterlichen Basel (27-50) ein Thema auf, das sie insofern berei­chert, als sie für die Stadt Hausnamen als „ein zentrales Herrschafts- und Klassifizierungs­instrument“ mit strukturbildender Funktion darstellen kann (45). Inga Siegfried / Jürgen Mischke beschreiben mit ihrem Beitrag „Eine Stadt und ihre Namen: Das Namenbuch Basel-Stadt (435-447) ein auf drei Bände geplantes und bereits weit fortgeschrittenes Projekt, das neben der Stadt Basel die Landgemeinden Riehen und Bettingen umfasst und sich in eine Reihe weiterer vorbildlicher kantonaler Namenbuchprojekte fügt. Die Autoren behandeln die bereits vorliegende vollständige Sammlung des Namenmaterials in rezenter und historischer Perspektive und zeigen exemplarisch am Beispiel Grosspeter die zum gelungenen Analy­seergebnis führende Arbeitsweise. Es wäre zu wünschen, dass solche Namenbücher auch in Deutschland als Vorbilder Wirkung zeigten! Karlheinz Hengst behandelt in bewährter Weise Die Namen von Städten in Nordwest-Böhmen nördlich der Ohře / Eger vom 12. bis 16. Jahr­hundert (85-109) und kommt unter Einbeziehung mehrerer Abbildungen und bedingt durch die gesamteuropäisch-positive Entwicklung zu bemerkenswerten Ergebnissen in diesem ehemals über Jahrhunderte existierenden Sprachkontaktraum mit ausgeprägter Interkulturali­tät. Erika Waser lenkt die Aufmerksamkeit wiederum auf die Schweiz mit ihrem besondere Objekte beschreibenden Beitrag Turm und Tor. Namen der Stadtbefestigung von Luzern (145-193), ausgestattet mit Abbildungen und einer alphabetisch geordneten erklärenden Liste der 78 Turm- und Tornamen. Natalja Vasil’eva untersucht Namen auf russischen Stadtplänen unter linguo- und soziokulturellem Aspekt: ‘Rote Namen’ auf dem Stadtplan von Moskau (226-238). Es handelt sich um Namen, die mit dem Adjektiv rot (russ. krasnyj) gebildet sind, wobei rot drei Bedeutungen hat: ‘schön’, Farbe ‘rot’, ‘revolutionär’. Die Autorin verfolgt die entsprechende Benennung am Beispiel der 52 einschlägigen Namen von Moskau. Es zeigt sich, dass die Erstbedeutung veraltet und die Drittbedeutung sich mehr und mehr durchgesetzt hat. Renāte Siliņa-Piņke beschreibt nach einem Kämmerei-Register die Rufnamen in Riga im 15. Jahrhundert: Überlegungen über eine schichtenspezifische Namengebung (239-252). Die insgesamt 104 männlichen Rufnamen (Frauennamen gibt es lediglich 8) werden nach den drei Schichten Geistlichkeit, Oberschicht und Mittelschicht nach Häufigkeit und Verteilung in mehreren Tabellen erfasst. Signifikante schichtenspezifische Unterschiede sind eher nur spärlich feststellbar. Dieter Kremer sieht sich in seinem umfangreichen anregenden Beitrag Namen von Personen im Lissabon des 16. Jahrhunderts (253-326) mit einer großen Fülle von Namen (Vor-, Zweit-, Familiennamen) konfrontiert, die er nach verschiedenen Gesichts­punkten mit tabellarischen Übersichten und Auflistungen untersucht, aber nach eigener Aussage längst nicht erschöpfend. Da werden weitere interessante Detailfragen sichtbar, denen nachzugehen sehr lohnend wäre. Abschließend formuliert der Autor eine Themenliste, „von Lissabon im 16. Jahrhundert ausgehend“ (291). Anhänge verzeichnen die „Männe­rnamen a. 1565“, „Frauennamen a. 1565“, „Zweitnamen a. 1565“ und „Drei genealogische Beispiele“. Sehr informativ ist der Beitrag von Monika Choroś und
Łucja Jarczak Zur Umbenennung deutscher Straßennamen durch die polnische Verwaltung (am Beispiel Opole) (351-364). Sie formulieren angesichts der „chaotischen Bezeichnungs­praxis der Nachkriegsjahre […] einige grundlegende Prinzipien“ der polnischen Namen­gebung (360) und stellen rückblickend fest: „Man änderte damals nicht nur die einstigen deut­schen Orts-, Flur- und Straßennamen, sondern brach zugleich mit der gesamten kultur­geschichtlichen Tradition der Benennung, indem man für die neue Verwaltung wichtige Bestandteile des historischen Gedächtnisses herausstellte.“ (363)
Abschließend sei der Beitrag von Volker Kohlheim genannt, der die literarische Onomastik in die Thematik des Bandes einbringt: Urbanonyme in der Literatur: Funktion und Status (327-350). Betroffen sind hauptsächlich Straßen- und Platznamen, die in der Literatur recht häufig vorkommen, aber in der wichtig gewordenen literarischen Onomastik „nur eine margi­nale Rolle spielten“ (328). Es ist daher sehr zu begrüßen, dass der Autor hier nach ihrer Bedeutung und ihrem Stellenwert im literarischen Werk fragt und mit feinem Gespür dies an mehr oder weniger bekannten Werken aufzeigt: gewiss eine Bereicherung des inhaltsreichen schön ausgestatteten Bandes, der zusammen mit dem 1. Teilband zahlreiche Ergebnisse bringt und auf nicht wenige lohnenswerte weitere Themen hinweist. Insofern bleibt zu wünschen, dass beide Bände die künftige Forschung befruchten.

Empfohlene Zitierweise
Friedhelm Debus: [Rezension zu] Die Stadt und ihre Namen 2, hg. von Dietlind Kremer und Dieter Kremer, Leipzig 2013, in: Onomastikblog [12.12.2014], URL:http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/rez_die_stadt_und_ihre_namen_ii/
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Saturday, December 13, 2014

Farce um Frauenquote für Straßennamen in Berlin

http://www.welt.de/vermischtes/kurioses/article115541901/Farce-um-Frauenquote-fuer-Strassennamen-in-Berlin.html

Das Jüdische Museum möchte seinen Vorplatz nach Moses Mendelssohn benennen. Doch Kreuzberg sperrt sich: Im Bezirk gilt eine Frauenquote für Straßennamen. Ausnahmen gibt es nur für linke Idole.



Frauenquote für Straßenschilder: Seit 2005 müssen im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg neue Straßen nach Frauen benannt werden. Doch es gibt Ausnahmen...
Foto: picture-alliance / Wolfram SteinFrauenquote für Straßenschilder: Seit 2005 müssen im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg neue Straßen nach Frauen benannt werden. Doch es gibt Ausnahmen...
Ursula von der Leyen hat sich durchgesetzt, und die CDU will sich eine starre Frauenquote ins Programm schreiben. Damit könnte man meinen, ist die Debatte fürs Erste beendet. Doch während die große Politik bereits zum nächsten Tagesordnungspunkt übergeht, bricht in Berlin schon wieder eine Geschlechterdebatte los. Im Mittelpunkt steht ein noch nicht einmal fertig gepflastertes Plätzchen am Rande Kreuzbergs.
Einziger Anlieger ist das Jüdische Museum, das hier demnächst einen Anbau eröffnen will. In der neuen Akademie des Hauses wird künftig zu den sozialen Folgen von Migration geforscht. Und so suchte der Stiftungsrat des Museums nach einem passenden Patron. Eine historische Persönlichkeit sollte es sein, international bekannt und geehrt.
Man entschied sich für Moses Mendelssohn (1729-1786). Der jüdische Philosoph gilt als ein Wegbereiter der Aufklärung und kam selber als Migrant nach Berlin – der perfekte Kandidat also, hätte er nicht ein entscheidendes Manko: Er ist keine Frau.
Friedrichshain-Kreuzberg hat sich 2005 eine Frauenquote von 50 Prozent verschrieben. Laut einem Beschluss der von den Grünen dominierten Bezirksverordnetenversammlung müssen Straßen und Plätze zur Hälfte nach Frauen benannt werden. Bis die Quote erreicht ist, sollen nur noch weibliche Namen vergeben werden.
Zu einer Ausnahme ist man im Bezirk nicht bereit: Das sei "genderpolitisch mehr als fragwürdig", heißt es bei den Kreuzberger Grünen. Es könne schließlich nicht sein, dass es keine angemessene weibliche Persönlichkeit gebe.

Das Jüdische Museum wünscht sich Moses Mendelssohn als Patron (1729-1786). Der jüdische Philosoph gilt als ein Wegbereiter der Aufklärung
Foto: picture alliance / Quagga IllustDas Jüdische Museum wünscht sich Moses Mendelssohn als Patron (1729-1786). Der jüdische Philosoph gilt als ein Wegbereiter der Aufklärung

Eigentlich finden die Grünen Mendelssohn ja "ganz toll"

Im Jüdischen Museum reibt man sich die Augen. Dass die Taufe des Vorplatzes so anstrengend werden würde, hätte sie nicht erwartet, sagt Museumsdirektorin Cilly Kugelmann. Und ja, der Stiftungsrat hätte sich auch Alternativen mit Berlinbezug überlegt: die Schriftstellerin Rahel Varnhagen etwa oder Rosa Luxemburg.
Aber die sind im Berliner Verkehrsbild – erstere mit einer Straße, letztere mit einem Platz, einer Straße und einem Steg – bereits versorgt, während es deutschlandweit noch keine einzige Straße oder einen Platz für Mendelssohn gibt.
Die Namensdiskussion ist zur Farce geraten. Im Bezirksausschuss "Frauen, Gleichstellung und Queer" wurde bereits die Idee diskutiert, die bestehende Rahel-Varnhagen-Promenade umzutaufen, nur um dann doch den Vorplatz der Akademie des Jüdischen Museums nach ihr benennen zu können.
Cilly Kugelmann sagt, sie finde das schlichtweg albern. Und Anna Sophie Luck von den Kreuzberger Grünen, stellvertretende Vorsitzende des Gleichstellungs-Ausschusses, bemüht sich zwar zu versichern, dass man Mendelssohn an sich ja auch "ganz toll" finde, aber Beschluss sei nun einmal Beschluss.

Wahl fällt auf "Eheleute-Mendelssohn-Platz"

Könnte man meinen. Nur wurden in den vergangenen Jahren schon Ausnahmen von der Regel gemacht. Etwa für die Rudi-Dutschke-Straße oder für den ermordeten Hausbesetzer Silvio Meier, nach dem demnächst die Gabelsbergerstraße in Friedrichshain umbenannt werden soll. Offenbar lässt sich die Frauenquote für linke Konsensfiguren aussetzen.
Inzwischen haben sich Berliner zwar mit einer Online-Petition für Mendelssohn an den Regierenden Bürgermeister und den Senat gewandt. Doch die rund 2000 Befürworter fallen nicht mehr ins Gewicht, denn die Bezirksverordnetenversammlung hat nun entschieden, wie der Platz vor dem Jüdischen Museum künftig heißen wird.
Die Abgeordneten stimmten mehrheitlich für eine Namensalternative, die man wohl als Kompromiss versteht: Um Mendelssohn nicht außer Acht zu lassen und trotzdem noch eine Frau aufs Schild zu hieven, hat die Mehrheit für "Fromet- und Moses-Mendelssohn-Platz" gestimmt.
Im Jahr 2013 gilt es also wieder als emanzipatorischer Erfolg, an der Seite seines Mannes genannt zu werden. Funktion: Gattin. Dafür, könnte man meinen, hätte es eine Frauenquote nicht gebraucht.

Gerade einmal ein Zwanzigstel weiblich

Die Gleichstellung wollen sich derweil auch andere deutsche Großstädte auf die Schilder schreiben. So hat etwa Hamburg im vergangenen Jahr die Absicht bekundet, Straßen künftig verstärkt nach weiblichen Vorbildern zu benennen.
Der Anteil an Frauen ist im hanseatischen Stadtbild noch geringer als in den Vorständen deutscher Dax-Konzerne: Bei einer letzten Zählung im Jahr 2009 war Hamburg gerade einmal auf 275 weibliche von insgesamt 8000 Straßennamen gekommen. Ähnlich arm an Namensgeberinnen ist München: Dort tragen von 6129 Straßen gerade einmal ein knappes Zwanzigstel (288) Frauennamen.
Den Schnitt anzuheben ist offenbar nicht so leicht wie gedacht: Trotz des bereits 2004 gefassten Entschlusses, weiblichen Persönlichkeiten bei der Benennung von Straßen Vorrang zu gewähren, kommt ein Bericht des Kommunalreferats München von 2011 zu dem Schluss: "Nach wie vor beziehen sich die Wünsche nach einer Ehrung von Persönlichkeiten durch eine Straßenbenennung sowohl von privater Seite als auch seitens der Bezirksausschüsse und aus den Reihen des Stadtrats fast ausschließlich auf Männer."

Die Gleichstellung würde 89 Jahre dauern

Auch in Düsseldorf diskutierte der Gleichstellungsausschuss kürzlich, ob man künftig statt der "Königs-" eine "Königinnenallee" brauche. Mehr als ein Drittel aller Straßen der Landeshauptstadt sind nach Männern benannt; bisher wurden lediglich 69 Frauen als Namensgeber herangezogen, das entspricht einem Anteil von gerade einmal 2,7 Prozent.
Die Düsseldorfer entschieden sich trotzdem gegen eine Frauenquote. Diese durchzusetzen wäre wahrscheinlich auch ein Jahrhundertprojekt geworden: Wenn in der Stadt wie bisher durchschnittlich neun neue Straßennamen pro Jahr vergeben werden, dann würde es mindestens 89 Jahre dauern, bis endlich die Gleichstellung erreicht wäre.

Saturday, November 29, 2014

Rez.: Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße, Bd. 4

http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/slawische_ortsnamen_4/



Ernst Eichler: Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße. Ein Kompendium, Bd. 4: T–Z, Nachträge. Unter Mitarbeit von Erika Weber, Bautzen: Domowina-Verlag 2009, 160 S. – ISBN 978-3-7420-1716-1, Preis: EUR 29,90 (D).
Rezensiert von Wolfgang Janka, Regensburg
Janka

Mit dem hier zu besprechenden vierten Band liegt nun das Namenbuch, der Kernbestandteil dieses Kompendiums zur altsorbischen Toponymie, vollständig vor. Unterstützt von Erika Weber, die an der Belegsammlung und ‑prüfung, an der Manuskriptgestaltung sowie an Korrekturarbeiten beteiligt war, hat Ernst Eichler die einschlägigen Ortsnamen von T bis Z einer slawistisch-namenkundlichen Analyse unterzogen.
Im Vorwort (5–9) begründet der Autor die längere Unterbrechung nach dem Erscheinen des dritten Bandes im Jahr 1993 unter anderem mit der Einrichtung von und der Mitarbeit in verschiedenen namenkundlichen Forschungsprojekten. Dabei sind das „Historische Ortsnamenbuch von Sachsen“, bei dem Eichler als Co-Autor für die Bearbeitung der Slavica verantwortlich zeichnete, und der „Atlas altsorbischer Ortsnamentypen“ besonders hervorzuheben. Der Verfasser konnte Ergebnisse aus diesen beiden und weiteren toponomastischen Unternehmen in das Kompendium einbringen, auf das sich also die Unterbrechung nicht negativ ausgewirkt hat.
Die in den Bänden 1–4 einheitlich gestalteten Namenartikel stellen in ihrer Gesamtheit weit mehr als nur eine „erste Zusammenschau des für mehrere Nachbardisziplinen interessanten und aufschlussreichen Ortsnamengutes“ (Bd. 1, 8) dar. Sie ergeben ein mehrere tausend altsorbische Ortsnamen erfassendes Nachschlagewerk, das Ortsnamenforschern und allen sonstigen Interessenten ein schier unerschöpfliches Reservoir an fundierten Etymologien, Hinweisen auf weiterführende Literatur und onymischem Vergleichsmaterial bietet. Bei den Namenerklärungen ist in Bezug auf die Methodik als beispielhaft zu bezeichnen, dass die rekonstruierten altsorbischen Grundformen konsequent einer Bewertung nach dem Kriterium der Wahrscheinlichkeit unterzogen werden. Entsprechende Abstufungen lassen sich meist an modalen Ausdrücken wie „am ehesten“, „wohl“, „evtl.“ o. ä. erkennen, die bei der Angabe der erschlossenen Grundformen verwendet werden. Der Verfasser trägt damit dem Umstand Rechnung, dass verschiedene Faktoren (spät einsetzende Überlieferung, unsichere Lesung und/oder Zuordnung von Belegen, fehlende Vergleichsnamen usw.) zuweilen eine eindeutige Lösung nicht zulassen.
Als Beispiel für das mustergültige Verfahren des Autors bei der Etymologisierung sei mit dem SNWölpern (83) ein semantisches Kuriosum herausgegriffen: Ausgehend von den Belegen 1161Vvelpride, 1202 Welperede usw. wird die – durch „wohl“ als sehr wahrscheinlich, jedoch nicht völlig gesichert bewertete – Grundform *Veľ(e)piŕdi erschlossen. Die Bestandteile dieses Kompositums lassen sich mit *vel- ‘viel’ und *piŕděti ‘furzen’ verbinden. Damit ergibt sich die ursprüngliche Bedeutung ‘Vielfurzer’ eines derben Spottnamens, der zum SN geworden ist. Gestützt wird diese Herleitung durch den Hinweis auf zwei weitere SN-Komposita mit demselben Zweitglied (Scherperdund tsch. Kosprdy) und durch eine genaue Entsprechung in Gestalt eines tschechischen SN (Erstbeleg Velprideh zum heutigen SN Veltrusy). Angesichts dieser Parallelen zieht der Verfasser die Herleitung aus dem Altsorbischen einer früheren, die von mnd. *Welper-idi ausging, mit Recht vor und führt dabei mit dem Fehlen von ‑idi-Namen im betreffenden Gebiet und mit der zweifelhaften Basis *Welper- zwei weitere gewichtige Argumente ins Feld.
Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf einzelne Namenartikel des 4. Bandes: Taltitz (10): Ein Ansatz *Tal- wird mit dem Hinweis auf eine frühe „Schwächung von d zu t“ abgelehnt. Einer Schwächung unterlag jedoch der Fortiskonsonant t, der zu d lenisiert wurde (im Rahmen der binnendeutschen Konsonantenschwächung). Im vorliegenden Fall kann man angesichts der Überlieferung (1225 Dalntiz, 1244 Taltiz) davon ausgehen, dass gesprochenes d- bereits im 13. Jahrhundert hyperkorrekt mit t- verschriftet worden ist. Andererseits kann es sich bei D- im Erstbeleg Dalntiz auch um eine frühe Direktanzeige der Schwächung t- > d- handeln, so dass prima vista auch die Rekonstruktion einer Grundform *Talętici möglich erscheint. *Talętici lässt sich allerdings im Gegensatz zu *Dalętici kaum durch westslawisches Vergleichsmaterial stützen (Anm. 1) und ist aus diesem Grund als unwahrscheinlich zu bewerten. Entsprechend dürfte auch bei †Talwitz (10) und Thallwitz (19f.) eher von *Dalevici/*Daľovici als von *Taľovici auszugehen sein. Eine auffällige Parallele zu Taltitz hinsichtlich der Überlieferung stellt der SN Thalschütz (20), 1225Dalsiz, 1243 Talziz, dar, dem „wohl aso. *Dal-šici“ zugrunde liegt. Hier wird zu Recht erst in zweiter Linie an ursprüngliches aso. t- gedacht. – Taugwitz (12): T- ist nicht Resultat einer „Schwächung“ von aso. d zu t, sondern Hyperkorrektismus, wie im Fall von Trogen (37), < aso. *Drogań, zutreffend konstatiert wird und z. B. auch bei Tobertitz (23), 1328 Tobertitz, < aso. *Dobrotici, festzustellen ist. – Teichröda (15f.): Bei der Mundartform „di rēde“ ist χ in die Leerstelle zwischen iund r einzusetzen (Anm. 2). – †Trauschkau und Trauschwitz (27): Der Verfasser weist auf die Herleitung bei Walter Wenzel (Anm. 3) hin und bewertet den dort angesetzten PN *Trusk (vgl. apoln. Trusk) als „fraglich“ (ohne Begründung). Eine Grundform aso. *Truskovici hätte eine eindeutige Parallele im tschechischen patronymischen SN Truskovice (Anm. 4), der im Namenartikel †Trüssel (39) erwähnt und bezüglich der anthroponymischen Basis zu Recht nicht in Frage gestellt wird. – †Uden (44): Der zum Vergleich herangezogene, evtl. im SN Audigast (s. Bd. 1, 21) enthaltene PN ist nicht als „*Udogošč“ (so eine mögliche Grundform des genannten SN), sondern als *Udogost anzugeben. – †Utischitz (46): Zu ergänzen ist die als *Utěšici zu erschließende altsorbische Grundform. – †Wadare (50): Der Erstbeleg 992 Uuadare ist irrtümlich als „Uuadere“ wiedergegeben. – Weddegast (55): Die von den übrigen Belegen durch -n- abweichende urkundliche Schreibung 979 Windogosti stammt nicht aus einem Original, sondern aus einer Kopie des 15. Jahrhunderts. – Wedelwitz (56): Der offenbar nicht sicher lokalisierbare Erstbeleg von 1031 ist als Vetovvizi, nicht als „Vetovizzi“ überliefert. – Wedlitz (56): Mit 951Uuitouulici werden weitere im Gau Serimunt gelegene Orte (villae) genannt, darunter Trebucouuici,Neozodici und Sublici. Von diesen drei SN ist im Kompendium bisher nur Neozodici behandelt worden (s. †Nisaditz; Bd. 2, 22). – †Werchnow (68): Offenbar identisch mit †Wirchenow (77); dort ungenaue Datierung des Erstbelegs von 1363 (Kop.) auf 1360 und Verweis auf ein LemmaWirchensee, das jedoch nicht enthalten ist. – WicknitzDürr‑/oso. Wěteńca (72) undWiednitz/oso. Wětnica (74): Gegen von Eichler vorgeschlagenes aso. *Věťnici ‘Ratgeber (Pl.)’ äußert Wenzel typologische Bedenken und erschließt patronymische Grundformen (altobersorbisch) *Wětanici bzw. *Witanici. (Anm. 5) Das feminine Genus der beiden SN, sowohl im Obersorbischen als auch im Deutschen (1374 czu der Wetheniz, 1440 von der Wickenitz bzw. 1562zur Witnitz, 1703 zur Wittnitz), deutet freilich eher auf die von Heinz Schuster-Šewc angesetzte Grundform *Větьnica ‘Siedlung der *větьnici’. (Anm. 6) – †Wisserodi (79), 1004 Wisserodi: Dass hier o tatsächlich als Verschriftung von aso. a in einer angenommenen Grundform *Vьšerady (oder *Vyšerady) aufgefasst werden kann, erscheint nicht gesichert, zumal beim angeblichen Parallelfall †Wisserobe (79), 997 Uuissirobi, nicht ursprüngliches a, sondern o vorliegt (Grf. *Vьšeroby). Man sollte daher zusätzlich zu der vom Verfasser genannten alternativen Erklärungsmöglichkeit (Grf. *Vyšegrod) auch ein PN-Zweitglied ‑rodъ in die Überlegungen einbeziehen (vgl. etwa den SNLaibarös/Lkr. Bamberg, Anf. 14. Jh. Leuberoz, abgeleitet vom PN *Ľuborodъ). (Anm. 7) – Wülknitz(I), Gross- (87): Der Erstbeleg 1158 „Wilknizi“ ist in der angegebenen Quelle als „Wilenizi“ (verlesen oder verschrieben für Wilcnizi?) verzeichnet. – Zabeltitz (94): Nach den beiden ersten Belegen 1207 Zablatwitz und 1210 Zabulotiz ist neben die angesetzte Grundform *Zabłotici die Variante *Zabłotovici zu stellen. – †Zapitz (97): Der Erstbeleg 1110 „Zabukuzi“ ist in der angegebenen Quelle als „Zabucuzi“ (Datierung: „um 1110“) verzeichnet (korrekte Wiedergabe derselben Namenform beim Lemma Zepzig (110)). – Zaschwitz (II) und (III) (98): Die Grundform lautet – anders als bei Tschaschwitz (39), 1264 Scha[s]titz – nicht *Častici, sondern *Častovici(vgl. 1273 Zastuwicz bzw. 1288 Sastuwicz). – †Zeperkau (109): Statt 1156 „Ceperchawe“ hat die angegebene Quelle Ceperchowe. Dieselbe Namenform (in korrekter Wiedergabe) und der Beleg 1288 Ceperkowe werden irrtümlich sowohl hierher als auch zu Zschepkau (134) gestellt; beide dürften zu Zschepkau gehören. (Anm. 8). – Zucha (144): Der Beleg „nach 980 in marca Zuocha“ stammt nicht aus originaler Überlieferung, sondern aus einer Kopie des 15. Jahrhunderts (andere Lesung: „Zucha“). (Anm. 9) – Zwota (151f.): Der Aussage, eine Grundform *Svatava werde durch die Überlieferung nicht bestätigt, stehen die Nennungen 1122 Zvatova (zum GewN Zwota) und 1454 Zwotaw (zum SN Zwodau/tsch. Svatava) gegenüber, deren ‑ova bzw. ‑aw sich als Resultat der Eindeutschung von slaw. ‑ava erklären lässt. – Anmerkungen zu den Nachträgen: †Kressow(154): Die frühesten Belege 1157 Crussowe und 1187 Crusowe (beide übrigens nicht aus originaler Überlieferung (Anm. 10) weisen zwar auf eine Grundform aso. *Krušov-, deren Basis sich mit dem Verfasser auf die Appellative *kruša ‘Birnbaum’ oder *kruš- (neben *kruch) ‘Stück, Klumpen’ beziehen lässt, doch kann auch der von Inge Bily zusätzlich erwogene PN *Kruš(a) (Anm. 11) nicht ausgeschlossen werden. Erklärungsbedürftig sind die i- und e-Schreibungen in 1320 Criszowe und 19. Jh. Kressow, bei denen zu fragen ist, ob sie als Indizien für eine Umlautung u > ü (wodurch verursacht?) mit späterer Entrundung gelten können. – †Kuwitz (155): Das Lemma stellt die einzige Namensnennung dar; Datierung und Quelle sind nicht angegeben. Vielleicht ließen sich in den Matrikeln der betreffenden Pfarrei weitere Namenformen feststellen.
Für den noch ausstehenden 5. Band werden im Vorwort (6) Register der Grundformen, Verzeichnisse der benutzten Quellen und Literatur, eine Übersichtskarte sowie Nachträge zu einzelnen Stichwörtern angekündigt. Vielleicht wird es dann im Rahmen der Nachträge noch möglich sein, auf neue Ansätze Walter Wenzels im Oberlausitzer und im Niederlausitzer Ortsnamenbuch (Anm. 12) (und auf die Ergebnisse der daran anknüpfenden Diskussion) einzugehen. Sie betreffen Ortsnamen aus allen vier Bänden des Kompendiums und konnten laut Verfasser (8) bisher nur in Einzelfällen berücksichtigt werden. In Bezug auf Band 4 erschiene z.B. ein Kommentar zum SN Weidlitz/oso. Wutołčicy (59) wünschenswert, dessen Ableitungsbasis von Eichler zum deutschen PN Wītold gestellt wird. Demgegenüber bevorzugt Wenzel den Ansatz eines altobersorbischen PN *Witoł(a), wobei freilich der Anlaut Wu- in Wutołčicy statt zu erwartendem Wi- dem Einfluss einer älteren deutschen Namenform mit - zugeschrieben werden muss. (Anm. 13)
Die obigen Anmerkungen und Ergänzungsvorschläge zu Einzelnamen können den überaus positiven Gesamteindruck nicht schmälern. Ernst Eichler ist für die übersichtliche Darstellung und die vorbildliche Etymologisierung des größten Teils des altsorbischen Ortsnamenguts höchste Anerkennung auszusprechen. Mit bewährter Methodik und unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes hat er eine hervorragende Basis für künftige ortsnamenkundliche Projekte geschaffen. Im Hinblick darauf sei hier als besonders wichtiges Desiderat die Fortsetzung der onomastischen Bearbeitung der Slavica im bayerischen Franken (Anm. 14) genannt, gerade auch als Voraussetzung für die anzustrebende vollständige Erfassung der als „altsorbisch“ bestimmbaren ON. Diesem und weiteren Unternehmen – wie z.B. dem hoffentlich in Bälde realisierbaren Historischen Ortsnamenbuch von Thüringen – wird das Eichlersche Kompendium durch den leichten Zugriff auf verlässliche Namenerklärungen und umfangreiches Vergleichsmaterial von größtem Nutzen sein.
Anmerkungen
(1) Der bei Gerhard Schlimpert, Slawische Personennamen in mittelalterlichen Quellen zur deutschen Geschichte, Berlin 1978, 141, angesetzte PN „Tal-ljub“ basiert auf dem Beleg 791 Taliup(Krems­münster/Oberösterreich), der auch auf *Daľeľub zurückgeführt werden kann (zu Eindeutschungen mit bair.-frühahd. Lautverschiebung von slaw. d siehe Wiesinger, Peter, Oberösterreich als mehrsprachiger Siedlungs­raum, in: Debus, Friedhelm (Hg.), Namen in sprachlichen Kontaktgebieten, Hildesheim/Zürich/New York 2004, 39–98, hier 75f.).
(2) Vgl. Fischer, Rudolf; Elbracht, Karl, Die Ortsnamen des Kreises Rudolstadt, Halle (Saale) 1959, 48.
(3) Wenzel, Walter, Oberlausitzer Ortsnamenbuch, Bautzen 2008, 177.
(4) Profous, Antonín, Místní jména v Čechách. Díl IV, Praha 1957, 390.
(5) Vgl. Wenzel, wie Anm. 3, 18f.
(6) Schuster-Šewc, Heinz, Historisch-etymologisches Wörterbuch der ober- und niedersorbischen Sprache, Bd. 3, Bautzen 1985–88, 1593.
(7) Vgl. Eichler, Ernst u.a., Beiträge zur slavisch-deutschen Sprachkontaktforschung. Band 1: Siedlungsnamen im oberfränkischen Stadt- und Landkreis Bamberg, Heidelberg 2001, 98–100.
(8) Vgl. Urkundenbuch des Erzstifts Magdeburg, Teil 1 (937–1192), bearb. von Friedrich Israël unter Mit­wirkung von Walter Möllenberg, Magdeburg 1937, Nr. 293, Anm. 60.
(9) Vgl. Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd. 2/1: Die Urkun­den Otto II., Hannover 1888, Nr. 193.
(10) Vgl. Codex Diplomaticus Anhaltinus. Teil 1 (936–1212), hg. von Otto v. Heinemann, Dessau 1867–1873, Nr. 441 und 655.
(11) Vgl. Bily, Inge, Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes, Berlin 1996, 232.
(12) Wenzel, wie Anm. 3, und ders., Niederlausitzer Ortsnamenbuch, Bautzen 2006.
(13) Vgl. Wenzel, wie Anm. 3, 183.
(14) Anknüpfend an die nach Initiative und unter maßgeblicher Beteiligung von Ernst Eichler entstandenen zwei Bände der „Beiträge zur slavisch-deutschen Sprachkontaktforschung“ (Heidelberg 2001 und 2006), in denen die einschlägigen Toponyme der oberfränkischen Stadt- und Landkreise Bamberg und Bayreuth untersucht worden sind.
Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Janka: [Rezension zu] Ernst Eichler, Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße. Ein Kompendium, Bd. 4: T–Z, Nachträge, Bautzen: Domowina-Verlag 2009, in: Onomastik-Blog [25.11.2014], URL: http://www.onomastikblog.de/ni_rezensionen/slawische_ortsnamen_4/
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