Tuesday, October 6, 2015

Hans Walther (1921-2015)

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Obwohl Freunde und Kollegen des hochbetagten Prof. Dr. Hans Walther seit langem von dessen schwerer Krankheit wussten und Schlimmes befürchteten, hat sie die Nachricht von seinem Ableben am 9. Juli dieses Jahres dennoch zutiefst erschüttert. Es ist schwer vorstellbar, dass wir diesen bescheidenen und stets hilfsbereiten Gelehrten – seit 1978 Professor für Namenforschung und Siedlungsgeschichte an der Universität Leipzig – der jedem, dessen ernstes Bemühen um die Wissenschaft er schätzte, uneigennützig half und förderte, nicht mehr an unserer Seite wissen.
Auch dem Verfasser dieser Zeilen machte es der am 30. Januar 1921 in Oberfrohna geborene Historiker und Germanist überaus leicht, als junger Lehrer, der sich auf den Weg der Namenforschung begeben hatte, mit seinen Fragen und Problemen an einen nunmehr die Grundlagen der DDR-Onomastik mitgestaltenden Fachmann heranzutreten. Hans Walther; immer freundlich und bereitwillig Auskunft und Ratschlag erteilend – hatte ja mit seiner auf einen begrenzten Raum ausgerichteten Dissertation Die Orts-, und Flurnamen des Kreises Rochlitz. Ein Beitrag zur Sprach- und Siedlungsgeschichte Westsachsens (1955) nicht nur einen gewichtigen methodischen Beitrag zur Erhellung der vielschichtigen inneren historischen Beziehungen und der deutsch-slawischen Verhältnisse in ebendieser Landschaft geliefert, sondern mit dem Druck dieser mustergültigen Arbeit als Band 3 der Deutsch-Slawischen Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte (DS, 1957) zugleich Niveau und Profil dieser Reihe maßgeblich mitbestimmt. Zahlreichen der ihm nachfolgenden jungen Wissenschaftler war damit eine sichere Richtschnur gegeben, um die von seiner Publikation ausgehenden Impulse auf die weitere, systematisch betriebene Erforschung des Orts- und Flurnamenbestandes im Süden und in der Mitte der DDR zu übertragen.
Was man von Hans Walther vor allem lernen konnte und was alle seine Publikationen insbesondere auszeichnet, ist die zuverlässige, genaueste, aus den originalen Quellen gewonnene Materialbasis, die es ihm dank seiner hervorragenden Kenntnisse der deutschen und auch westslawischen (!) Sprach- und Gesellschaftsgeschichte schließlich erlaubte, überzeugende Einsichten in den Gang der Besiedelung und, in enger Verbindung damit, in linguistische Sachverhalte zu gewinnen. Es war, öffnete man im Archiv einen der voluminösen Folianten, für den angehenden jungen Wissenschaftler zumal, immer wieder überraschend, im beigehefteten Verzeichnis der Benutzer auf Hans Walther zu treffen, der lange vorher schon – oftmals als Alleiniger – bereits Einsicht genommen hatte.
Es kann hier nicht Aufgabe sein, das Gesamtwerk des Nestors der (DDR-)Namenforschung – so darf man ihn getrost nennen – eingehend zu würdigen. Dies wird anderen an anderer Stelle vorbehalten sein. Gleichwohl sei an einige ausgewählte Monographien und Aufsätze erinnert, die für den Autor dieser Zeilen besonders wichtig waren. Es handelt sich vor allem um die von Hans Walther gemeinschaftlich mit seinem Freund Ernst Eichler erarbeiteten Bände 20 und 21, 28 und 29 sowie 35 der DS-Reihe (Anm. 1), das Städtenamenbuch der DDR (2) und den einen oder anderen Text, etwa zu den Bautzener Personennamen oder zur Namenwelt des Erzgebirges in dem Sammelband Zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte Sachsens und Thüringens. Ausgewählte Beiträge 1953–1991 (3). Stets war es hier möglich, neben konkreter Sachinformation auch neue methodische Wege gewiesen zu bekommen (4).
Unvergesslich bleibt Hans Walther als Mitherausgeber des Historischen Ortsnamenbuchs von Sachsen (5). Er war gleichsam der „ruhende Pol“ unseres kleinen Kreises von Autoren und Mitarbeitern, denen er seine reichen Erfahrungen und Kenntnisse der Quellen stets uneigennützig zur Verfügung stellte. Hans Walther war in der Lage, eine erstaunliche Menge der Belege direkt aus seinem fabelhaften Gedächtnis abzurufen. War dies einmal nicht der Fall (mit dem „neumodischen“ Computer konnte er sich allerdings nicht mehr anfreunden), so holte er seine umfangreichen, zuverlässigen, mit schöner Handschrift verfassten Aufzeichnungen hervor.
Seit seiner erst nach Jahren gedruckt erschienenen Habil.-Schrift, dem grundlegenden Werk Namenkundliche Beiträge zur Siedlungsgeschichte des Saale- und Mittelelbegebietes bis zum Ende des 9. Jahrhunderts, Berlin 1971 (DS 26), galt das besondere Interesse Hans Walthers den Ortsnamen Thüringens. Die Herausgabe einer zusammenfassenden Monographie war ihm angesichts des riesigen aufzuarbeitenden Materials und seines fortgeschrittenen Alters leider nicht mehr vergönnt. Allerdings arbeitete er noch fast 30 Jahre nach seiner Emeritierung im Jahr 1986, täglich an seinen ehemaligen Arbeitsplatz zurückkehrend, an den Quellen. Seine letzte Publikation (6), soeben erschienen, legt davon beredtes Zeugnis ab.
Hält sich Verf. Hans Walther vor Augen, so erscheint ihm ein schlanker, hochgewachsener, bescheidener, ein wenig asketisch wirkender Gelehrter, der so gar nichts Professorales an sich hatte, sondern über Jahrzehnte nicht nur Vorbild und Berater, sondern letztlich auch Freund war. An Hans Walther, Mann der „alten Schule“ (7), wird die Namenforschung auch künftighin nicht vorbeikommen. Wir haben ihm viel zu verdanken ( 8).
(1) Ernst Eichler/Hans Walther, Die Ortsnamen im Gau Daleminze. Studien zur Toponymie der Kreise Döbeln, Großenhain, Meißen, Oschatz und Riesa. Bd. I und II, Berlin 1966 und 1967 (DS 20 und 21); Ernst Eichler/Hans Walther, Ortsnamenbuch der Oberlausitz. Bd. I und II, Berlin 1975 und 1978 (DS 28 und 29); Ernst Eichler/Hans Walther, Untersuchungen zur Ortsnamenkunde und Siedlungsgeschichte des Gebietes zwischen Mittlerer Saale und Weißer Elster, Berlin 1984 (DS 35). 
(2) Ernst Eichler/Hans Walther, Städtenamenbuch der DDR. 2. Aufl., Leipzig 1988.
(3) Reprintverlag Leipzig im Zentralantiquariat, Leipzig 1993.
(4) Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang besonders auf das Kapitel Namen in: Die archivalischen Quellen. Eine Einführung in ihre Benutzung, hg. von Friedrich Beck und Eckart Henning. Weimar 1994, S. 233–245, sowie auf Namenkunde und geschichtliche Landeskunde. Ein einführender Überblick. Erläuterungen namenkundlicher Fachbegriffe. Auswahlbibliographie zur Namenkunde und Landeskunde Ostmitteldeutschlands. Mit einem kurzen Wegweiser durch das Studium und Beiträgen aus Ostthüringen und Westsachsen, Leipzig 2003.
(6) Historisches Ortsnamenbuch Thüringens. Forschungsstand zum Vorhaben, in: NI 103/104 (2014), S. 321–338.
(7) Hierher gehören neben Ernst Eichler Kollegen und Mitstreiter wie Elfriede Ulbricht, Rudolf Fischer, Rudolf Große, Horst Naumann, Walter Wenzel Wolfgang Fleischer und Karlheinz Hengst.
(8) Hervorzuheben sind auf jeden Fall seine zusammenfassenden Karten- und Textbeiträge (Beihefte) zu dem von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig herausgegebenen Historischen Atlas von Sachsen(Atlas zur Geschichte und Landeskunde von Sachsen): Karte G II 1 (Ortsnamen), G II 4 (Historische Gewässernamen als Zeugnisse der Sprach-, Kultur- und Siedlungsgeschichte und Karte G II 5 mit Erika Weber (Deutsche Siedlungsnamen der hochmittelalterlichen Ostsiedlung (1100–1350), vgl. auch den Abschlussbericht von Jana Moser, Leipzig/Dresden 2010, S. 14f.