Friday, July 28, 2017

Rez.: Onomastica Canadiana 94/2

Gunter Schaarschmidt: [Rezension zu] Onomastica Canadiana 94/2 (2015), in: Onomastikblog [27.07.2017], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/rez-onomastica-canadiana-94-2/

Onomastica Canadiana, Band 94, No. 2 (Journal of the Canadian Society for the Study of Names/Revue de la Société canadienne d'onomastique). Redaktion: Carol J. Léonard (University of Alberta, Canada) and Donna L. Lillian (Appalachian Sate University, Boone, NC, USA). Edmonton, Alberta: Campus Saint-Jean, University of Alberta, 2015, 40 S. – ISSN 0078-4656.
Rezensiert von Gunter Schaarschmidt, University of Victoria/BC, Canada
Der vorliegende Band 94/2 (December 2015) ist sicher der kürzeste in der Geschichte der Zeitschrift, deren Redaktion jetzt durch Hinzufügen von Donna L. Lillian (Appalachian State University, Boone, NC, USA) vergrößert wurde. Vielleicht ist diese administrative Veränderung für den deutlich mehr sprachwissenschaftlichen Ton sowie der beiden längeren Arbeiten als auch der beiden Buchbesprechungen verantwortlich. Das Jahr 2017 wird in Kanada als das Jahr der Versöhnung angesehen, also der Versöhnung der Erstnationen und der Eroberer Kanadas (Engländer, Franzosen und Spanier). Davon wird vielleicht im nächsten Band der Zeitschrift die Rede sein, denn die Umbenennung vieler kolonialer Namen in die Sprachen der Erstnationen ist ein wichtiger Teil dieser Versöhnung, wie auch der alljährliche Kongress der Geistes- und Sozialwissenschaften Kanadas an der Ryersonuniversität in Toronto Ende Mai/Anfang Juni bewiesen hatte. Aber als ob man die offizielle Zweisprachigkeit Kanadas nicht vergessen sollte, ist Band 94/2 sehr symmetrisch angelegt: je eine der zwei längeren Arbeiten sowie der Buchbesprechungen ist auf Französisch abgefasst.
Die erste längere, englischsprachige Arbeit (S. 97–116) (Anm. 1) stammt von dem langjährigen Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitschrift, Wolfgang P. Ahrens, mit dem Titel „Naming the Bahamas Islands: History and Folk Etymology“. Wie Ahrens darlegt, wurden die Bahamas zwischen dem Anfang des 7. Jtsd. und dem Anfang des 9. Jtsd. von den Lucayans, also einem Zweig der Arawaken (heute eine gefährdete Sprache, Anm. 2), auch bekannt als die Locono, besiedelt. Letztere hatten sich in der gesamten Karibik angesiedelt, einschließlich der größeren Inseln Kuba, Hispaniola und Jamaica, wo sie den Namen Taíno trugen und um das Jahr 1500 mehr als 40.000 zählten. Da die Bahama Inseln seit 1550 anscheinend vollständig entvölkert wurden, findet man die Aufzeichnung von Lucayan-Namen hauptsächlich in Verzeichnissen, die von den spanischen Geistlichen angelegt wurden (Beispiele gibt Ahrens in einer Tabelle auf Seite 101). Die Namengebung und -änderung wurde im späten 17. Jh. weiterhin von den britischen Siedlern aus Bermuda und Providence Island beeinflusst, während britische Loyalisten aus den Vereinigten Staaten ihren Beitrag nach dem Revolutionskrieg im späten 18. Jh. hinterließen. Mit vielen Beispielen und sprachwissenschaftlichem Feinsinn gibt Ahrens einen ausgezeichneten Überblick der Toponymie der Inseln und lässt dabei die Namen kleinerer Inseln, Riffe und Felsen nicht aus. Selbst Vogel-, Fisch- und Pflanzennamen sind belegt. Unter den Fragen und Problemen in der Beschreibung der Namen der Bahama-Inseln erwähnt Ahrens Volksetymologien und die Umbenennung vieler Namen durch die Kreuzfahrtgesellschaften. Vier Seiten Anmerkungen sowie eine aktuelle Literaturliste geben dieser Arbeit einen enzyklopädischen Eindruck von der Toponymie der Bahamas.
Die zweite längere Arbeit behandelt die Semantik der Eigennamen auf Webseiten von Restaurants („La sémantique des noms propres dans les sites Web de restaurants“) von Éric Trudel von der Université de Moncton, campus d'Edmundston. Die Arbeit basiert auf Trudels Doktorarbeit „Sémantique des sites Web de restaurants: analyse de productions polysémiotiques“ an der Université du Québec á Trois-Rivières, 2013, 496 Seiten (http://depot-e.uqtr.ca/6869/1/030518166.pdf [zuletzt abgerufen am 06.07.2017]). In seiner Analyse stützt sich Trudel auf die Theorie der „interpretativen Semantik“ des französischen Sprachwissenschaftlers François Rastier, wie sie Louis Hébert von der Université du Québec à Rimouski in Kanada populär gemacht hat. (Anm. 3) Ganz kurz definiert ist die interpretative Semantik die Zweitgenerationssynthese der europäischen strukturellen Semantik, die im Zuge der Theorien von Bréal und de Saussure, sowie später von Hjelmslev, Greimas, Coseriu und Pottier entwickelt wurde. Trudel konzentriert sich in seiner Arbeit auf drei Typen von Eigennamen auf Restaurantwebseiten: auf missonymes (the names of dishes), vinymes (wine names) und apothiconymes(restaurant names). (Anm. 4) Ein Missonym ist ein Teil des Texts, welches im Kontext der Speisekarte zwangsläufig das kulinarische Thema angibt. Zum Beispiel bietet die Webseite von L’Assiete du Marché das Entree Escargots et champignons à la Bourguignonne an. Diese Bezeichnung, wie die vieler anderer Speisen, wiederholt die Sememe /Küche/französisch/Tradition/Know-how/Bistronomie/. Das Basissemem /Küche/ ist selbstverständlich in dem Missonym eingeschlossen. Ein Vinym ist ein Element des Texts, welches im Kontext der Weinkarte zwangsläufig das Weinthema angibt, wobei dieses allgemeine Semem von noch mindestens einem Semem begleitet ist. Trudel gibt als Beispiel für die Weinkategorie der Webseite des libanesischen Restaurants Sanctuaire de Baal in Paris, dass sich die Weinkarte auf libanesische Weine spezialisiert, sodass sich das Vinym hier aus den Sememen /Wein/ und /libanesisch/ zusammensetzt. Es folgt nun eine längere Diskussion der Apothiconyme, also der Eigennamen der Restaurants. Trudel findet, dass die Apothiconyme strategisch im visuellen Raum der Webseite platziert sind, also oft im oberen Teil der Seiten, begleitet von einem Logo oder Slogan. Zwangsläufig enthält der Name des Restaurants zwei Sememe, welche die Identität des Restaurants definieren, d. h. ein generisches Semem, das ein Teil aller Restaurantnamen und ein spezifisches Semem, das die Identität eines bestimmten Restaurants von anderen Restaurants unterscheidet. Zum Beispiel enthält das Apothiconym L’Assiette du Marché das generische Semem /Restaurant/, in diesem Fall als ein Hyperlink „Le Restaurant“, wobei /L’Assiette du Marché/ das spezifische Semem darstellt.
Als Zusammenfassung seiner Arbeit vermerkt Trudel, dass eine Analyse der Missonyme, Vinyme und Apothiconyme den Einfluss des polysemiotischen Kontexts auf die Bedeutung dieser Eigennamen klarstellt. Dieses Verfahren macht es möglich, die verschiedenen thematischen Lesungen des Apothiconyms zu definieren. Viele Beispiele in seiner Arbeit zeigen, dass hier ein reiches onomastisches Arbeitsgebiet vorliegt, das noch erforscht werden muss, besonders im Multimedienuniversum des Web.
Die etwa zweieinhalb Seiten lange englischsprachige Besprechung der Monographie von Edwin D. Lawson, Zinaida S. Zavyalova und Richard F. Sheil, Tatar First Names From West Siberia: An English and Russian Dictionary (San Diego, CA: HtcomGroup. 2014. ISBN: 978-1-49-537322-0. USD:14.99, xliii-65 Seiten) stammt von Edward Callary, professor emeritus (Linguistik) an der Northern Illinois University und ehemaliger Präsident sowohl der American Name Society und der North Central Name Society, sowie der Autor von Place Names of Illinois (2009) und Place names of Wisconsin (2016). Er fungiert weiterhin als Herausgeber von Surnames, Nicknames, Placenames, and Epithets in America, sowie von Place Names in the Western United States. Wie Callary in der Besprechung schreibt, hat Edwin D. Lawson der Onomastik in Nordamerika einen ewigen Dienst mit seinen Untersuchungen von Namen in weniger untersuchten Kulturen geleistet. Die Aussprache tatarischer Vornamen in der Arbeit wird durch eine beiliegende CD und die Möglichkeit der Abrufbarkeit eines Großteils des Textes unter www.fredonia.edu/faculty/emeritus/-EdwinLawson/TatarNames/index.html gewährleistet.
André Lapierre (Université d’Ottawa) ist der Autor der den Band abschließenden, französisch-sprachigen und etwa dreieinhalbseitigen Besprechung von Marc Picard (2013). Dictionary of Americanized French-Canadian Names. Onomastics and Genealogy. Genealogical Publishing Company for Clearfield Company. XVII-169 Seiten. Gleich am Anfang seiner Rezension weist Lapierre auf eine große Lücke in der nordamerikanischen Onomastik hin, d. h. auf die wenig untersuchten Veränderungen in den französisch-kanadischen Nachnamen, angefangen mit dem großen Exodus aus Québec nach New England im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lapierre selbst hatte in einem Artikel die mehr als 1.000 Varianten einer früheren Studie untersucht mit dem Hinblick auf die sprachwissenschaftlichen Prozesse, die zu so einer imposanten Ernte geführt hatten („When Auclair becomes O’Clair: Some Remarks on Franco-American Surnames“. In Onomastica Canadiana 73/2 (1991), 49–56). Zusammen mit seiner früheren Arbeit (Dictionnaire des noms de famille du Canada français. Anthroponymie et généalogie. Québec: Presses de l’Université Laval, 2010), hat Marc Picard mit der vorliegenden Studie einen wichtigen Begleitband zur Onomastik sowohl von Französischkanada als auch Französischamerika geliefert.
Anmerkungen
(1) Die Nummerierung der Seiten setzt die in Band 94/1 fort.
(2) Siehe Aikhenvald, A. Y. (1999). Arawak. In R.M.W. Dixon und Alexandra Y. Aikhenvald (Hg.), The Amazonian Languages. Cambridge University Press.
(3) Louis Hébert (2006). „Interpretive Semantik“, in Zusammenarbeit mit Lucie Arsenault, in Louis Hébert (dir.), Signo [online], Rimouski (Quebec), signosemio.com/rastier/interpretative-semantics.asp (zuletzt abgerufen am 07.07.2017).
(4) Die Eigennamen missonymes and vinymes wurden von Trudel geprägt (bestätigt durch eine Suche im Web); der Name apothiconymes basiert auf altgr. ἀποϑήκη ‘Laden’ + das Suffix -(o)nyme (siehe z. B. http://www.toponymie.gouv.qc.ca/ct/references-utiles/glossaire/apothiconyme.html; zuletzt abgerufen am 08.07.2017).