Monday, August 22, 2016

Zornheimerin erforscht Familiennamen: Mehr als nur Müller und Maier

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Manche sind einzigartig, andere wiederum fast schon inflationär, ganz ohne geht es aber in keinem Fall. Einen Nachnamen hat jeder, auch wenn er diesen vielleicht mal wechselt. Rita Heuser aus Zornheim erforscht die Nachnamen der Deutschen in einem Großprojekt.



5.000 Namen haben Rita Heuser und ihre Kollegen schon gesammelt und in ihr "Digitales Familienwörterbuch Deutschlands" aufgenommen. Mehr als 200.000 sollen es einmal werden. Es ist ein Mammutprojekt, an dem die Zornheimerin mit ihren insgesamt 14 Kollegen arbeitet.
"Im Südwesten", erklärt die Namensforscherin, "sind körperliche Charakteristika, die sich im Nachnamen wiederfinden, sehr häufig." So finde man hier viele Familien mit dem Namen Jung, Dürr, Dick und vor allem Klein. Grund zur Beunruhigung sei das aber nicht, denn: Klein könne auch so viel wie "jung" bedeutet und ziele nicht zwangsläufig auf die Körpergröße ab.


Zählen, zählen, zählen

Was Rita Heuser in ihrem Arbeitszimmer fast täglich macht, ist echte Detektivarbeit. "Man muss viel suchen, historische Zusammenhänge - wie beispielsweise Migration - erörtern und sich mit historischen Berufen auskennen", erklärt sie. Ihre wichtigsten Arbeitsmittel sind historische Wörterbücher, denn bei jedem Namen müsse man zuerst schauen, welches mittelhochdeutsche Wort der Ursprung sein könnte.

Als Grundlage für die Datenbank dienen den Wissenschaftlern dabei nicht etwa Archive oder Bibliotheken, sondern das Telefonbuch von 2005. Ab einer Häufigkeit von zehn schafft es ein Nachname in den Online-Datensatz. Für Rita Heuser heißt das: zählen, zählen und nochmal zählen.
Besonders spannend findet die Rheinhessin natürlich die Genese der Familiennamen in dieser Region. So hat sie herausgefunden, dass der Name Dejung hier sehr häufig auftaucht. Nach dem 30-jährigen Krieg seien gezielt Einwanderer angeworben worden, um die entvölkerten Dörfer wieder zu beleben - darunter viele religiös verfolgte Protestanten aus den Niederlanden. Aus den De Jongs wurden dann die deutschen Dejungs. Auch slawische, italienische und griechische Namen fänden sich aus diesem Grund sehr oft in Rheinhessen.


Anders allerdings der Name des wohl bekanntesten Rheinhessen, Carl Zuckmayer. "Der geht auf den Namen Zugmaier aus Bayerisch-Schwaben zurück, erklärt Heuser. Generell sei der Name Meier mit all seinen Variationen in Rheinland-Pfalz eher selten, weswegen man auch vom so genannten "Meierloch" sprechen würde. Im Norden und Süden Deutschlands komme er deutlich häufiger vor.

Wann ist ein Name deutsch?

Unter den bisher 5.000 ausgewerteten Familiennamen sind nicht nur "typisch deutsche". Auch einige türkische Namen wie zum Beispiel Kaya sind in der Datenbank zu finden. "Es ist eben nicht das 'deutsche Familiennamenwörterbuch', sondern das 'Familiennamenwörterbuch Deutschlands'", betont Rita Heuser. Migration sei schon immer ein Teil der Gesellschaft gewesen und spiegele sich in der Sprache und den Namen wider. Und wer könne heute noch genau sagen, ob Schimanski ein deutscher oder ein polnischer Name sei?

Im "Digitalen Familienwörterbuch" kann man zu jedem Eintrag die Herkunft des Namens nachlesen, findet zudem die Häufigkeit und sogar eine Deutschlandkarte, die die Verteilung des Namens zeigt. Noch etwa 20 Jahre wird es dauern, bis das Forschungsgroßprojekt abgeschlossen sein wird. Rita Heuser wird dann schon in Rente sein. Den Spaß an der Onomastik, wie die Namensforschung unter Wissenschaftlern heißt, wird sie aber niemals verlieren, glaubt sie.

Ihr eigener Name verweise im Übrigen auf jemanden, der nur ein kleines Häuschen hat, jemanden, der aus dem Ort Hausen stammt oder den Beruf des Hausverwalters, so die Forscherin. Wie sehr viele der deutschen Nachnamen sei er mehrdeutig - und auf jeden Fall kein typisch rheinhessischer Name.

Das Forschungsprojekt "Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD)" wurde an der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Kooperation mit der Technischen Universität Darmstadt und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz begonnen. Erstmals sollen die derzeit in Deutschland vorkommenden Familiennamen – unter Einbeziehung der fremdsprachigen Namen – lexikographisch erfasst, kartiert und etymologisiert werden.