Die neueste Ausgabe der Namenkundlichen Informationen (Band 117, 2025) ist soeben erschienen und vereint vielfältige Forschungsbeiträge, die von altsorbischer Etymologie über urbane Toponymie bis hin zu antiken Inschriften und volkssprachlichen Pflanzennamen reichen. Herausgegeben von der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig und der Gesellschaft für Namenforschung e.V., setzt diese traditionsreiche Zeitschrift – seit 1964 ununterbrochen publiziert – ihre Tradition strenger, interdisziplinärer onomastischer Forschung fort.
Inhalt von Band 117
Walter Wenzel: 20. Januar 1929 - 17. Juni 2025 [Nachruf]
Inge Bily (S. 13-17)
Die Ausgabe beginnt mit einer Würdigung Walter Wenzels, einer überragenden Gestalt der deutschen Onomastik, der im Juni 2025 im Alter von 96 Jahren verstarb. Wenzels Beiträge zur slawischen und germanischen Namenkunde prägten Generationen von Forschern. Für diejenigen, die mit seinem Werk nicht vertraut sind, kontextualisiert dieser Nachruf ein Leben linguistischer Detektivarbeit, die die komplexen etymologischen Schichten mitteleuropäischer Ortsnamen entwirrt.
Eine überfällige onomastische Aktion zu altsorbisch *Pro- oder Altsorben als Schwellenhauer?
Bernd Koenitz (S. 21-72)
Koenitz befasst sich in dieser 50-seitigen Studie mit einem substanziellen etymologischen Rätsel, indem er altsorbische Namenelemente untersucht. Die Sorben (Wenden) waren ein slawisches Volk, das historisch das heutige Ostdeutschland bewohnte, und ihre linguistischen Spuren überleben eingebettet in deutschen Ortsnamen. Koenitz' Untersuchung des rekonstruierten altsorbischen Elements *Pro- scheint bestehende etymologische Theorien herauszufordern oder zu verfeinern – jene Art akribischer philologischer Arbeit, die entweder überliefertes Wissen über frühmittelalterliche Benennungsmuster bestätigt oder umstößt.
Der kryptische Verweis auf "Schwellenhauer" deutet auf die Untersuchung von Berufs- oder Siedlungsmustern hin, die in der Toponymie bewahrt wurden. Diese 50 Seiten repräsentieren wahrscheinlich jahrelange Archivarbeit, vergleichende Linguistik und systematische Analyse von Ortsnamenverteilungen.
Von Alken bis Utbremen: Orts-, Ortsteil- und Straßennamen der Stadt Bremen
Barbara Aehnlich & Kristin Loga (S. 73-98)
Eine umfassende toponymische Bestandsaufnahme Bremens – einer der historischen Hansestädte Deutschlands. Aehnlich und Loga dokumentieren systematisch die Nomenklatur der Stadt von Stadtteilen bis zu Straßennamen und verfolgen wahrscheinlich linguistische Schichten vom mittelalterlichen Niederdeutsch bis zur modernen Standardisierung.
Bremens Namenslandschaft spiegelt seine Handelsgeschichte, Kriegsschäden und Wiederaufbau sowie zeitgenössische Umbenennungsdebatten wider. Diese Art urbaner onomastischer Bestandsaufnahme dient sowohl wissenschaftlichen als auch bürgerlichen Zwecken – sie bewahrt etymologisches Wissen und dokumentiert gleichzeitig, wie Städte sich durch Nomenklatur an ihre Vergangenheit erinnern (und sie vergessen).
Für alle, die deutsche Stadttoponymie, vergleichende hanseatische Benennungspraktiken oder das Überleben des Niederdeutschen in modernen Ortsnamen erforschen, bietet diese Studie wesentliche Primärdokumentation.
Die Namen auf dem Silberblech von Vrh gradu
Diether Schürr (S. 99-106)
Eine eng fokussierte epigraphische Studie, die Personennamen untersucht, die auf einem antiken Silberartefakt aus Vrh gradu (wahrscheinlich in Slowenien oder im weiteren Alpenraum) eingraviert sind. Schürr ist bekannt für seine Arbeiten zu antiken italischen und alpinen Sprachen, und dieser kurze Artikel entschlüsselt und kontextualisiert vermutlich Namen aus vorrömischen oder früh römischen Perioden.
Diese Inschriften – ob venetisch, rätisch oder früh romanisch – bewahren linguistische Evidenz von Kulturen, die minimale schriftliche Aufzeichnungen hinterließen. Jeder entzifferte Name trägt zur Rekonstruktion von Bevölkerungsbewegungen, Sprachkontakt und onomastischen Praktiken in der Antike bei. Mit nur acht Seiten ist dies konzentrierte philologische Analyse, bei der einzelne Buchstaben enormes interpretatives Gewicht tragen.
Wenn das 'Löwenmaul' das 'Hündchen' trifft – zum interkulturellen Vergleich umgangssprachlicher Pflanzenbezeichnungen
Michael Reichelt (S. 107-132)
Reichelts Studie wagt sich in die Phytonymie – die Pflanzenbenennung – und vergleicht, wie verschiedene Sprachgemeinschaften volkssprachliche botanische Nomenklaturen schaffen. Der spielerische Verweis im Titel auf "Löwenmaul" und "Hündchen" bezieht sich wahrscheinlich auf das Löwenmaul (Antirrhinum), das im Deutschen buchstäblich "Löwenmaul" genannt wird, aber möglicherweise in anderen Sprachen canine Metaphern verwendet.
Volkstümliche Pflanzennamen offenbaren kulturelle Wahrnehmungen, metaphorisches Denken und linguistische Kreativität. Wenn Deutsche einen Löwenmund sehen und eine andere Kultur einen Welpen in derselben Blume, offenbart dies divergierende kognitive Muster in der Nomenklatur. Reichelts interkultureller Vergleich – der untersucht, wie mehrere Sprachgemeinschaften unabhängig voneinander dieselben Pflanzen benennen – bietet Einblicke sowohl in universelle als auch in kulturspezifische Benennungslogik.
Mit 25 Seiten ist dies substantielle ethnolinguistische Arbeit, die wahrscheinlich auf botanischen Sammlungen, dialektologischer Feldforschung und vergleichender onomastischer Theorie beruht.
Warum diese Ausgabe wichtig ist
Namenkundliche Informationen nimmt eine einzigartige Position in der europäischen Onomastik ein – sie verbindet historische Linguistik, Kulturanthropologie und angewandte Toponymie. Diese besondere Ausgabe demonstriert die Breite des Fachgebiets:
Zeitliche Spanne: Von antiken alpinen Inschriften (Schürr) über mittelalterliche sorbische Siedlungen (Koenitz) bis zum gegenwärtigen Bremen (Aehnlich/Loga)
Methodologische Vielfalt: Epigraphik, systematische urbane Bestandsaufnahmen, etymologische Rekonstruktion, vergleichende Ethnolinguistik
Geografische Reichweite: Deutsche Stadtzentren, slawische Grenzgebiete, alpine Archäologie, sprachübergreifende Pflanzenbenennung
Disziplinäre Integration: Historische Linguistik trifft auf Archäologie, Dialektgeographie auf Botanik, Philologie informiert Stadtplanung
Open Access und akademische Infrastruktur
Bedeutsamerweise wechselte NI 2023 zu Gold Open Access und macht alle Inhalte unter der Creative Commons CC BY 4.0 Lizenz frei herunterladbar. Dies repräsentiert breitere Verschiebungen im europäischen akademischen Publizieren – Wissen, das von öffentlichen Institutionen (Universität Leipzig, DFG) finanziert wird, sollte öffentlich zugänglich sein.
Die Zeitschrift erhebt moderate Publikationsgebühren (200 € bei institutioneller Förderung), weit unter den Raten kommerzieller Verlage. Langfristige digitale Archivierung ist durch das institutionelle Repository der SLUB Dresden garantiert, was sicherstellt, dass diese spezialisierten Studien für zukünftige Forscher zugänglich bleiben.
Für eine Zeitschrift, die auf Deutsch mit häufigen slawischen, niederdeutschen und altsprachlichen Inhalten publiziert – genau die Forschung, die in der anglophon dominierten Akademie anfällig für Marginalisierung ist – ist Open Access besonders entscheidend.
Das Wenzel-Erbe
Die Eröffnung mit Inge Bilys Nachruf auf Walter Wenzel schafft eine ergreifende Rahmung. Wenzel erlebte und trug zur Transformation der Onomastik von vordigitaler Archivarbeit zur computergestützten Korpuslinguistik bei. Seine 96 Jahre umspannten Nazi-Deutschland, DDR-Isolation, Wiedervereinigung und digitale Revolution – doch sein wissenschaftliches Engagement für die Entwirrung von Namenetymologien blieb konstant.
Die anderen Beiträge der Ausgabe – sei es Koenitz' sorbische Forschung oder Schürrs epigraphische Analyse – bauen auf Fundamenten auf, die Forscher wie Wenzel gelegt haben. Diese Kontinuität, die Generationen geduldiger philologischer Arbeit überspannt, charakterisiert seriöse onomastische Forschung.
Für wen?
Dies ist keine leichte Lektüre. Es handelt sich um spezialisierte akademische Artikel, die erheblichen linguistischen Hintergrund voraussetzen. Aber für:
- Toponymiker, die an deutschen oder slawischen Ortsnamen arbeiten
- Historische Linguisten, die Sprachkontakt in Mitteleuropa erforschen
- Stadthistoriker, die städtische Nomenklatur dokumentieren
- Ethnobotaniker, die volkssprachliche Pflanzenbenennung studieren
- Epigraphiker, die antike alpine Inschriften entziffern
...bietet diese Ausgabe wesentliche Primärforschung und methodologische Modelle.
Zugang zur vollständigen Ausgabe kostenlos:
Namenkundliche Informationen Band 117 (2025)
Alle Artikel als PDF-Downloads unter CC BY 4.0 Lizenz verfügbar
Herausgegeben von: Philologische Fakultät der Universität Leipzig & Gesellschaft für Namenforschung e.V. (GfN)

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