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Sunday, November 20, 2016

Rezension: Drei DUDEN Vornamenlexika

http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/duden-vornamen/

Rosa und Volker Kohlheim: Duden – Lexikon der Vornamen. 6., völlig neu bearb. Aufl. Mannheim-Zürich: Dudenverlag 2013, 480 S. – ISBN: 978-3-411-04946-2, Preis: EUR 11,99 (DE), EUR 12,40 (A), SFR 19,90 (CH). 
Rosa und Volker Kohlheim: Duden – Lexikon der Vornamen. 7., vollst. überarb. Aufl. Berlin: Dudenverlag 2016, 480 S., 20 farb. Tab. – ISBN: 978-3-411-04947-9, Preis: EUR 12,99 (DE), EUR 13,40 (A), SFR 19,50 (CH). 
Rosa und Volker Kohlheim: Duden – Das große Vornamenlexikon. 5., vollst. überarb. Aufl. Berlin: Dudenverlag 2016, 558 S. – ISBN: 978-3-411-06085-6, Preis: EUR 16,99 (DE), EUR 17,50 (A), SFR 24,50 (CH).
Rezensiert von Volkmar Hellfritzsch, Stollberg
Nach Durchsicht der an dieser Stelle noch nicht besprochenen 6. und der neuesten, der 7. Auflage des Duden-Lexikon der Vornamen sowie der 5. Auflage der Hardcover-Ausgabe vertreten wir bestimmter denn je unsere bereits im Jahre 2004 geäußerte Überzeugung, dass die Publikationen von Rosa und Volker Kohlheim hinsichtlich fachlicher Solidität, populärwissenschaftlicher Darstellung und praktischem Gebrauchswert von keinem der im Angebot befindlichen deutschsprachigen Vornamenbücher übertroffen wird (Anm. 1). Deutlicher noch: Dank ihrer zahlreichen zumeist aktualisierenden Eingriffe und Neuerungen lassen sie die Fülle der namenkundlichen Ratgeberliteratur weit hinter sich und dürfen mit Fug und Recht als die derzeit besten auf dem Markt befindlichen Werke dieses Genres bezeichnet werden. Die hier zu würdigenden Auflagen beweisen eindrucksvoll die kontinuierliche, stets die neuesten Tendenzen und wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigende Arbeit des renommierten Forscherehepaars. Zusammen mit Wilfried Seibickes bereits klassischem „Historischen Deutschen Vornamenbuch“ (Anm. 2) stehen dem Interessenten damit zuverlässig Auskunft gebende Publikationen zur Verfügung.
Wenden wir uns zunächst der 6. Auflage des Lexikons zu, die in besonderem Maße von der Kreativität zeugt, mit der die Kohlheims ihr erfolgreiches Lexikon „pflegen“: Bereits wenn man die Vorbemerkungen (S. 9–30) vergleicht, wird einem deutlich, wie stark die Autoren ihren Text im Interesse neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse verändert bzw. umgestaltet, vertieft und – nicht zuletzt durch aktuelle Beispiele – modernisiert haben. Unter der neuen Überschrift „Mia und Ben: Vornamen und Namenmoden heute“ statt „Maria und Alexander: Namengebung und Namenmoden in unserer Zeit“ werden z. B. Erkenntnisse psychologischer Art (Wirkung von Namen auf andere Menschen, Wohlklang als Hauptmotiv für die Namenwahl, als „schön“ empfundene Namen) vertieft, die „Hitlisten“ der zur Zeit der Entstehung dieser Auflage (2011) beliebtesten Vornamen in Deutschland aktualisiert, gegenwärtige Trends und schichtenspezifische Phänomene herausgearbeitet oder aufschlussreiche Beobachtungen zum Verhältnis von Internationalisierung (nicht Globalisierung) der Vornamen und Beibehaltung eigener Namentraditionen mitgeteilt. Ganz wesentlich erweitert und aktualisiert wurden auch die Ausführungen zur Herkunft unserer Vornamen, insbesondere die Abschnitte über die Vornamen germanischer (altdeutscher) Herkunft mit neuem Text, z. B. zur Variation der Namenglieder, zur Sinnabschwächung der alten Namenwörter, zu den Kurz- und Koseformen sowie den sog. Lallnamen. Emma und Till, deren Entwicklung und Bedeutung exemplarisch für die Namen germanischer Herkunft dargestellt wird, ersetzen Günter und Ulrike der früheren Auflagen. Ebensolches geschieht mit Johannes und Elisabeth sowie Alexander und Julia, die nunmehr durch die hebräisch-aramäischen Namen Miaund Ben bzw. durch Sophia und Felix, griechisch-lateinischer Herkunft, vertreten sind. Zusammen mit den Darlegungen zur Rechtschreibung der Vornamen, zu den rechtlichen Bestimmungen der Namengebung und den Empfehlungen zur Namenwahl, die unverändert geblieben sind, verfügen Namen und Aufklärung suchende Eltern, aber auch der nach einem knappen Überblick Ausschau haltende Fachwissenschaftler mit den gründlich bearbeiteten Vorbemerkungen über eine konzise, zuverlässige und den neuesten Erkenntnissen entsprechende Einführung in die Problematik der Vornamen.
Die Auswahl der 200 neuen Namenformen – darunter zahlreiche geschriebene oder länderspezifische Varianten mit Verweis auf Stichwörter an anderer Stelle– wurden den deutschen Vornamenstatistiken der letzten Jahre (Häufigkeitslisten der Gesellschaft für deutsche Sprache, www.beliebte-vornamen.de), den Statistiken einzelner Länder, den Medien (Barack [Obama], Charlène [Fürstin von Monaco], Vitali [Klitschko] usw.), verschiedenen Internetforen sowie diversen Geburts- und Todesanzeigen, aber auch dem „Historischen Deutschen Vornamenbuch“ von Wilfried Seibicke entnommen. – Neben zahlreichen Namen germanischer bzw. altdeutscher, niederdeutsch(-friesischer) oder niederländischer Herkunft wie Aland, Alert, Arn oder Alrike, Arlind, Levke, die man als geeignetes Angebot für Eltern verstehen kann, die originelle, gut klingende heimische Vornamen suchen, finden sich auch Namen wie Abbo, Lieke, Mees, Noor, Syasse, Thijs, Wigbrand, Wilrich, Wilka usw. Besonders zahlreich vertreten sind unter den Neuaufnahmen türkische bzw. türkisch-persische, türkisch-arabische Namen (Mert, Enes, Emir, Kerem, Furkan; Aleyna, Nisa, Melek, Dila usw.), dazu verschiedene neuhebräische Formen: Amir, Chana, Ilanit, Shlomit, Shoshana, Yael u. a. Die Spannweite des historisch-geographischen Raums, dem die neu hinzugekommenen Rufnamen entnommen sind – wir nennen einzelne Beispiele –, umfasst ganz Europa: Großbritannien (Davin, Evie, Lachlan, Maddox, Nolan), die nordischen Länder (Iven, Jarne, Jonte, Onnie) – selten das Baltikum (Leonas) –, die slawischen Länder (Alina, Dejan, Kirill) und die Romania (Franck, Josiane, Nevio, Zé) einschließlich der aus dem antiken Griechenland (Amalthea, Phileas) und Rom (Emilian) stammenden Namen. Hinzu kommen Exemplare aus anderen Regionen der Welt, z. B. arabische Namen wie Muhammad, Nahla, Sumia(arabisch), Lien (chinesisch), Yasuko (japanisch), Nia (Suaheli) oder auf Appellativa (hier: Blumennamen) zurückgehende Formen (Akelei, Cattleya) usw. – Was die altdeutschen Rufnamen betrifft, so werden, neueren Erkenntnissen folgend, die Bestandteile einer Anzahl zweigliedriger Formen in entsprechenden Sinnzusammenhang gebracht und vorsichtig gedeutet: Dietmar etwa ‘im Volk berühmt’, Friedrich etwa ‘Friedensherrscher’, Günter etwa ‘im Kampf bewährter Krieger’, Volkhild etwa ‘Kämpferin in der Kriegsschar’ etc.
Weitere Aktualisierungen im lexikalischen Teil des Lexikons betreffen die „bekannten Namensträger“, von denen einige gestrichen wurden (vgl. z. B. Elisabeth) und andere hinzugekommen sind (z. B. Simone Thomalla). Korrekturen der Etymologie gegenüber der letzten Auflage finden sich z. B. bei Ägid, Franz, Franciscus, Gisbert, Gisela, Giselher, auch beim Rufnamen-Stamm *agi-. Auf neuesten Stand gebracht sind selbstverständlich die Tabellen zu den Spitzenreitern der Namengebung in verschiedenen Ländern und die speziellere Informationen vermittelnden und damit auch beratenden sog. Kastenartikel, die ausgewählte Vornamen (Alexander, Bastian, Charlotte, Florian, Ida, Quentin, Vanessa, Zoë u. a.) eingehender behandeln. Neu aufgenommen wurde eine Liste geläufiger Unisexnamen (S. 409). Das überarbeitete Literaturverzeichnis bietet trotz seines Auswahlcharakters nicht nur dem interessierten Laien, sondern auch dem Namenforscher wichtige weiterführende Titel und lässt kaum Wünsche offen.
Der 5. Auflage des „Duden – Das große Vornamenlexikon“, der Hardcover-Ausgabe, vorausgegangen war das Taschenbuch in 7. Auflage. Die meisten Neuerungen sind daher zunächst in das Taschenbuch aufgenommen worden, finden sich aber im Hardcover mit veränderter Seitenzahl wieder. Deshalb wollen wir zunächst auf das auflagenstärkere Taschenbuch eingehen und anschließend auf die über die Gemeinsamkeiten mit diesem hinausgehenden Ergänzungen des Vornamenlexikons, jener den neuesten Stand des „work in progress“ darstellende Version, hinweisen. Dabei kann es sich nicht darum handeln, die zahlreichen auf Details zielenden, nur bei genauem Textvergleich zu bemerkenden Eingriffe der Autoren aufzulisten, seien diese ergänzender, eliminierender, stilistischer oder anderer Art. Vielmehr soll unser Augenmerk vorwiegend auf die wesentlichen, konzeptionellen Änderungen gerichtet sein.
Dass eine der Hauptaufgaben der Autoren darin bestand, die neuesten Daten zur Vornamenhäufigkeit in Deutschland und anderer Länder einzuarbeiten und die „Hitlisten“, Kästchenartikel und den Textteil entsprechend zu berichtigen, war durch den Bezug auf aktuelle Namen bereits im Vorwort, im Inhaltsverzeichnis sowie in den Vorbemerkungen (S. 9: Emma und Ben: Vornamen und Modenamen heute) einzukalkulieren (S. 5, 7) und führte hinsichtlich der Aussagen zu den zurzeit beliebtesten Vornamen in Deutschland – um dies an einem Beispiel genauer darzutun – zur kompletten Neuformulierung: „Emma, Mia, Hanna(h), Sophia/Sofia, Emilia, Anna, Lena, Lea(h), Emily/Emilie und Marie lautet die Reihenfolge der beliebtesten Mädchennamen des Jahres 2014. Gegenüber 2012 sind erwartungsgemäß einige Änderungen eingetreten: Emma hat Mia vom ersten Platz, Sophia/Sofia hat Lea(h) vom vierten Platz verdrängt. Anna und Lena halten sich fest auf Platz sechs und sieben. Neu unter den Top Ten sind Emilia und Emily/Emilie auf den Plätzen fünf und neun. Dafür mussten Leoni(e) und Lina die Spitzengruppe verlassen, während Marie, die im Jahr 2011 mit Rang acht bereits den Höhepunkt ihrer Beliebtheit erreicht hatte, den zehnten Platz behält. Insgesamt sind die Bewegungen unter den zehn häufigsten Mädchennamen nicht sehr groß, schließlich sind innerhalb von zwei Jahren nur Emilia und Emily/Emilie, die man auch als Varianten eines Namens betrachten kann, neu in die Gruppe der zehn häufigsten Namen aufgerückt.“ (S. 9f.)
„Die männlichen Spitzenreiter des Jahres 2014 sind Ben, Luis/Louis, Paul, Lukas/Lucas, Jonas, Leon, Finn/Fynn, Noah, Elias und Luca/Luka. Erstaunlicherweise sind die Veränderungen in der Häufigkeitsrangfolge der Jungennamen auffälliger als bei den Mädchennamen [Hervorhebung V. H.]: Zwar hat Ben seine Spitzenreiterposition behalten können, doch ist Luca/Luca vom zweiten auf den zehnten Platz zurückgefallen. Dafür konnte Luis/Louis vom achten gleich auf den zweiten Platz springen – derartig auffällige Bewegungen unter den Modenamen gab es früher eher bei den Mädchen. [Hervorhebung V. H.] Paul und Lukas/Lucas können Platz drei und vier behaupten, Jonas und Leon steigen um jeweils einen Rang auf die fünfte und sechste Position auf. Dafür fällt Finn/Fynn um zwei Punkte auf die siebte Stelle zurück. Maximilian und Felix wurden zugunsten von Noah und Elias aus der Spitzengruppe gedrängt; offensichtlich hält der Trend zu biblischen Namen ungebrochen an.“ (S. 10)
Charakteristisch, so heben die Autoren hervor, ist bei den relativ wenigen Mädchen- und Jungennamen germanisch-altdeutscher Herkunft (Emma, Fri[e]da, Ida; Carl/Karl, Till, Bruno usw.) ihre fremdsprachige Gestalt (Amelie, Luisa; Louis, Henry etc.): „Zu Mädchen scheint besser ein südländisch-romanisch wirkender Name zu passen, zu Jungen ein englisch oder skandinavisch wirkender. So werden alte Rollenstereotype bei der Namengebung aufrechterhalten. – Allgemein aber werden heute Namen hebräisch-aramäischen, griechischen oder lateinischen Ursprungs bevorzugt: Anna, Clara, Emilia […]; Ben, Elias, Jonas [...]“ (S. 11). – Aufschlussreich sind auch die Bemerkungen zum Einfluss der Medien auf die Namengebung am aktuellen Beispiel des Mädchennamens Lena (S. 12).
Grundlegend neu formuliert sind auch Aussagen zur Frage der Globalisierung der Namengebung, etwa zu Lea/Léa, Sarah, Benjamin oder Noah in Deutschland, den Nachbarländern und in Übersee (S. 14). Zugleich galt es, auch dem internationalen Trend zu „nostalgischen“, vor 1900 und früher gegebenen Namen gerecht zu werden und die neuesten Entwicklungen zu verfolgen, etwa zu Emma (in Deutschland, zahlreichen [west- und nord-]europäischen Ländern sowie in den USA und Kanada), Sophie/Sophia/Sofia; William, Hugo u. a. (S. 14f.).
Für höchst bedeutsam halten wir die Überarbeitung des Kapitels zu den rechtlichen Bestimmungen der Namengebung (S. 27ff.) mit der Änderung der Zwischenüberschrift „Was ist als Vorname zulässig und was nicht?“ in die prononcierte Formulierung „Maßgeblich ist das Kindeswohl“. So wird beispielsweise formuliert: „Das deutsche Recht enthält keine verbindlichen Vorschriften über die Wahl von Vornamen. Sie ist nur dadurch beschränkt, dass der gewählte Name die allgemeine Sitte und Ordnung nicht verletzen und dem Kindeswohl nicht widersprechen darf.“ (S. 28) In diesem Sinne ebd. weiter: „[…] die ,Dienstanweisungen für die Standesbeamten und ihre Aufsichtsbehörden‘ […] haben aber keinen Gesetzescharakter und sind teilweise veraltet. So lässt sich der früher gültige Grundsatz, dass nur solche Namen gewählt werden dürfen, die ihrem Wesen nach Vornamen sind, nicht mehr uneingeschränkt aufrecht erhalten. Zwar wird man immer noch Schwierigkeiten bekommen, wenn man sein Kind mit Wörtern des allgemeinen Sprachgebrauchs benennt, sodass man Bezeichnungen für Gegenstände, Eigenschaften, Vorstellungen wie Pfeil, Feder, Klug, Anmut meiden sollte. Wichtigster Grundsatz bei der Namenwahl ist immer die Berücksichtigung des Kindeswohls, da der Name dem Kind dabei helfen soll, seine Identität zu finden und seine Individualität zu entwickeln.“ (S. 28) Besonders hervorzuheben ist die aus dem Studium aktueller Nummern der Zeitschrift „Das Standesamt“ gewonnene Erkenntnis, dass die obligatorische Sexusmarkierung weggefallen ist: „Der früher gültige Grundsatz, dass der Vorname das Geschlecht des Namensträgers eindeutig erkennen lassen müsse, ist überholt. Viele der heute beliebten Entlehnungen aus fremden Sprachen lassen ohnehin nicht eindeutig erkennen, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Vornamen handelt; manchmal werden sie auch in ihrem Herkunftsland für beide Geschlechter verwendet.“ (S. 29) An anderer Stelle heißt es: „Zwar wird zusammen mit dem Vornamen auch das Geschlecht des Kindes in das Geburtsregister eingetragen, doch daraus folgt nach neuester Rechtsprechung nicht mehr, dass der Vorname das Geschlecht des Kindes eindeutig anzuzeigen habe. Allerdings würde es der künftigen psychischen und sozialen Entwicklung des Kindes nicht förderlich sein, wenn der gewählte Vorname dem Geschlecht nach allgemeinem Sprachempfinden widerspricht.“ (S. 29f.)
In der den allerneuesten Stand darstellenden 5. Auflage des „Großen Vornamenlexikons“ wurden im Vergleich zur 7. Auflage des „Lexikons der Vornamen“ die Statistiken ein weiteres Mal aktualisiert. Dies betrifft sowohl die Angaben in den auf die Jahre 2014, 2015 und 2016 aktualisierten Vorbemerkungen, die dem alphabetischen Namenverzeichnis (S. 47–442) vorangestellt sind (S. 11–36), die Tabellen zu den Spitzenreitern der Namengebung in verschiedenen Ländern (Verzeichnis S. 37 und jeweils im Text) als auch die diversen Kastenartikel zur Vornamengebung (Übersicht S. 38). Ca. 60 „bekannte Namensträger“ wurden gestrichen, z. B. (wir beschränken uns auf A) bei Albrecht: Albrecht von Haller, schweizerischer Arzt, Naturforscher und Dichter (18. Jh.), Alfred: Alfred Biolek, deutscher Fernsehmoderator (20./21. Jh.), Anneliese: Anneliese Rothenberger, deutsche Opernsängerin (20./21. Jh.), Aristoteles: Aristoteles Onassis, griechischer Reeder (20. Jh.) u. a. m. Hinzugefügt wurden Persönlichkeiten wie Andrea Camilleri, italienischer Schriftsteller (20./21. Jh.); Andrea Bocelli, italienischer Tenor (20./21. Jh.) unter Andrea (1), bei Andreas: Andreas Maier, deutscher Schriftsteller (20./21. Jh.), bei Anne: Anne Will, deutsche Fernsehjournalistin (20./21. Jh.); unter Angela wurde Angela Merkel, deutsche Bundeskanzlerin (20/21. Jh.) in Angela Merkel, deutsche Politikerin (20./21. Jh.) geändert usw.
Neue Lemmata sind nur selten eingefügt worden: z. B. Ailin, Ema (1), Ema (1), port. Heitor, finn. Ilmari, Karlene, Loreley, port. Luiza, Madina (2), arab. Medina, finn. Olavi, katal. Pep, engl. Poppy, Prokop. – Dass die verschiedenen Änderungen ihren Niederschlag auch im sog. Apparat gefunden haben versteht sich von selbst.
Man darf Rosa und Volker Kohlheim zu ihren gründlichen, auf souveräner Beherrschung der Materie gegründeten Bearbeitungen ihrer Lexika aufs herzlichste gratulieren und gewiss sein, dass diese Popularität und wissenschaftlichen Anspruch auf ideale Weise vereinenden Werke innerhalb ihres Genres auch künftighin erste Wahl bleiben.
Anmerkungen
(1) Vgl. unsere Besprechung der 4., völlig neu bearbeiteten Auflage, in: Namenkundliche Informationen 85/86 (2004), S. 251–256, 254.
(2) Wilfried Seibicke, Historisches Deutsches Vornamenbuch. 5 Bde. Berlin-New York 1996–2007.
Empfohlene Zitierweise
Volkmar Hellfritzsch: [Rezension zu] Rosa und Volker Kohlheim, DUDEN – Lexikon der Vornamen, 6. und 7. Aufl.; DUDEN – Das große Vornamenlexikon, 5. Aufl., in: Onomastikblog [18.11.2016], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/duden-vornamen/
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Die Titeldaten für die rezensierten Werk finden Sie im DNB-Katalog („Duden – Lexikon der Vornamen. 6. Aufl.“ – „Duden – Lexikon der Vornamen. 7. Aufl.“ – „Duden – Das große Vornamenlexikon. 5. Aufl.“).

Wednesday, August 17, 2016

Der Ortsname Ziegenfauze in der Oberlausitz

http://www.onomastikblog.de/artikel/namen-spiegel/der-ortsname-ziegenfauze-in-der-oberlausitz/



Der Ortsname Ziegenfauze in der Oberlausitz als Rätsel in der Presse

Die "Sächsische Zeitung" vom 29. Juli 2016 (auch online nachlesbar) bietet unter der Überschrift "Ärger in Ziegenfauze" die Mitteilung, dass das Ortsschild zum wiederholten Male gestohlen worden sei. Und das liege eben an dem als originell empfundenen Ortsnamen. Auch "kämen ganze Reisebusbesatzungen hier vorbei, um sich das Schild anzuschauen." Allerdings gebe es bisher für die Entstehung des Namens "keine endgültige Erklärung. Man nimmt an, dass die Leute hier einst Ziegen hielten und irgendwann einmal einer Ziege, die nicht zum Bock wollte, eine Ohrfeige, oder auf Ostsächsisch eine 'Fauze' versetzten."



Im 2001 erschienenen Lexikon "Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen" sowie auch in den regionalen Vorgängerbänden zur Oberlausitz ist der Name Ziegenfauze nicht enthalten.
Bei dem kurios anmutenden Ortsnamen handelt es sich um eine lokale Prägung für eine ursprünglich kleine Siedlung in Steinbruchnähe aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der Straße von Bautzen nach Löbau. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist dieser kleine Ort weiter gewachsen und schließlich sogar als Neukubschütz gekennzeichnet worden. Die Bauern des benachbarten Kubschütz aber hatten der kleinen Ansiedlung bereits im 19. Jahrhundert den Namen Ziegenfauze verliehen.

Das sogar im Internet verzeichnete "Ziegenfauze" in der Lausitz ist leicht erklärbar: Das hier so deutsch erscheinende Grundwort Fauze ist rückentlehnt aus obersorb. fawca 'Ohrfeige, Schlag' und dieses wiederum ist aus dem gleichbedeutenden mitteldeutschen Wort Faunze entlehnt. Das Sorbische kennt keine Diphthonge und hat daher das deutsche <au> mit dem in der Aussprache am nächsten kommenden <aw> wiedergegeben. Das -n- ist dabei in der entstandenen Konsonantenhäufung -wnc- im Sorbischen geschwunden.

In dem spöttisch gemeinten Ortsnamen wird auf die im Vergleich zu einem Bauerndorf auffällig kleine Ortsflur Bezug genommen, eben - natürlich mit Übertreibung - so winzig wie die Fläche bei einem "Ziegentritt, -schlag". Solche Überhöhungen sind gern zum Spott genutzt worden. So lässt sich z. B. vergleichen Flöhzunge für eine Ansiedlung auf einem durchaus längeren Flurstück, das sich von einer Ortsflur aus seitlich erstreckt. Und für eine kleine Ansiedlung bei Gaußig bei Bautzen ist Ende des 19. Jahrhunderts Ziegendorf verwendet worden (E. Eichler, H. Walther, Ortsnamenbuch der Oberlausitz. Berlin 1975, S. 381).

Das im Zeitungsartikel am Schluss genannte "ostsächsische Fauze" ist auch im vierbändigen "Wörterbuch der obersächsischen Mundarten" für die Lausitz verzeichnet, während das Deutsche sonst nur Faunze kennt. Ganz abwegig und falsch ist aber die Deutung mit der Ohrfeige für die Ziege. Solche Spottnamen wurden immer von den Bewohnern in Nachbarorten gegeben. Und es steckte stets mehr dahinter als etwa solch ein Klaps für eine Ziege!
Karlheinz Hengst

Der Ortsname Möschlitz

http://www.onomastikblog.de/artikel/namen-spiegel/der-ortsname-moeschlitz/

Ortsnamen sind nicht nur inhaltsleere Etiketten oder bloße Aneinanderreihungen von Buchstaben. Sie entstanden in der alltäglichen Kommunikation und hatten ursprünglich eine auf die Natur oder die Bewohner bezogene Bedeutung. Besonders spannend sind Ortsnamen, die aus mittlerweile ausgestorbenen Sprachen entstanden sind, denn sie können Auskunft über die ehemaligen Bewohner und den ungefähren Zeitpunkt der Gründung geben, sogar auf die Gesellschaftsstruktur der ersten Siedler lassen sich Rückschlüsse ziehen. Zu diesen aufschlussreichen Ortsnamen gehört zweifelsohne Möschlitz.



Das Dorf Möschlitz liegt ca. fünf Kilometer westsüdwestlich der Stadt Schleiz, der Hauptstadt des ostthüringischen Saale-Orla-Kreises (Abb. 1).










Möschlitz wurde an einer Biegung der Wisenta errichtet (Abb. 2), eines 55 Kilometer langen rechten Nebenflusses der Thüringischen Saale.
Nach dem Fluss wurde die Region um Schleiz in einer Quelle von 1280 als terra dicta Wisenta und in der Heimatforschung als 'Wisentaland' bezeichnet (Anm. 1).




Über die Jahre seines Bestehens veränderte der Ortsname Möschlitz seine Gestalt gemäß der seit dem 13. Jahrhundert in Südostthüringen gesprochenen deutschen Dialekte. Möschlitz liegt im dialektalen Kleinraum der Reußischen Keilstaffel, einem Übergangsbereich zwischen thüringisch-mitteldeutschen und fränkisch-oberdeutschen Mundarten, in dem nach Norden hin thüringische Sprachmerkmale zu- und fränkische abnehmen (Anm. 2). Möglicherweise hat sich aufgrund der vier Jahrzehnte währenden Grenzschließung zwischen Thüringen und Bayern im 20. und 21. Jahrhundert in der Schleizer Gegend eine ostmitteldeutsche Umgangssprache etabliert, die auf die meisten fränkischen Elemente verzichtet.

So sagt die junge Generation heute loofm statt laafm (für 'laufen'), Hos oder Hose statt Hūs und Junge statt Gung. Einige fränkische Wörter wie a 'auch', net 'nicht' und fei, für das es kein hochdeutsches Äquivalent gibt, leben aber bis heute fort. Da Namen als Teil der Sprache Lautgesetzen unterworfen sind, die zum Teil starke Veränderungen zur Folge haben können, müssen zur Deutung immer die ältesten auffindbaren Schreibweisen zurate gezogen werden. Mundartliche Entwicklungen lassen sich dort ablesen.

Die ältesten Belege des Ortsnamens Möschlitz lauten folgendermaßen (Anm. 3): 1333 er Berchtolt pherrer von Moůlicz, 1333 er Bertolt von Mouslitz, 1350 Muszlicz, 1365 Můslicz, 1365 das dorf zu Můslitz, 1366 unsir dorf Můslitz, Muslitz, 1387 zu Muschlitz, 1448 Mußelitz, 1490-1530 Nickel ficher czu Meuselitz, 1501 Meuschlitz, 1533 Moschlitz, Moßlitz, 1534 Mosslitz, Moschlitz, 1534 Meuschlitz, 1552 Meüschlitz, 1596 Meuschlitz, 1597 Meuschlitz, 1598 zu Möschlitz, 1616 Möschlitz.

Abgesehen vom oben aufgeführten Erstbeleg Moůlicz, der wahrscheinlich aus einer Verschreibung resultiert, erscheint der Name Möschlitz bis ins 14. Jahrhundert hinein als Mouslitz, Muszlicz, Můslitz, Můslitz, Muslitz. Die unterschiedlichen Schreibweisen <ou>, <u> und <ů> des Stammvokals deuten darauf hin, dass man sich nicht sicher war, wie man ihn zu schreiben hatte. Das liegt daran, dass es im lateinischen Alphabet diesen Vokal nicht gibt. Es handelt sich nämlich um den Umlaut /ü/. Die Belege bis 1366 sind somit durchweg als *Müslitz (Anm. 4) zu lesen.

Im gesamten hochdeutschen Sprachraum wurde im Laufe des 14. Jahrhunderts die Lautverbindung /sl/ zu /schl/ weiterentwickelt. Das ist auch am Namen Möschlitz erkennbar, der 1387 als Muschlitz (sprich: *Müschlitz) erscheint. Die heutige Lautung Möschlitz beruht auf der Senkung des Vokals /ü/ zu /ö/, die im 16. Jahrhundert belegbar ist. Dies ist sprachökonomisch bedingt, da der Zungenrücken zur Bildung des Vokals /ö/ nicht so weit angehoben werden muss. Vereinzelt wurde das /ü/ wohl lang ausgesprochen, weshalb es im Zuge der Neuhochdeutschen Diphthongierung (Zwielautbildung) zu /eu/ (1501 Meuschlitz) verändert wurde, was sich letztlich jedoch nicht durchsetzen konnte (Anm. 5). Die allen Belegen gemeinsame Endung -itz weist auf einen slawischen Ursprung hin.

Slawen siedelten in Ostdeutschland, seitdem die Germanen im 5. und 6. Jahrhundert größtenteils abgewandert sind. Vorher wurden sie durch den aus Osten vorstoßenden Reiterhirtenstamm der Awaren aus ihrer Heimat, den Wäldern nördlich des Karpatenbeckens, vertrieben. Sie zogen über Mähren und Böhmen die Elbe abwärts und entlang ihrer größeren Nebenflüsse - wie der Saale - aufwärts. An siedlungsgünstigen Orten ließen sie sich nieder, für gewöhnlich in bereits vorher von Germanen bewohnten waldfreien Landschaften. Einer dieser Siedlungshorste befand sich in der Orlasenke zwischen Saalfeld und Triptis, die die Slawen nachweislich im 8. Jahrhundert erreichten (Anm. 6). Die Thüringer Slawen werden dem Stamm der Sorben zugerechnet, der erstmals 631 in den Schriftquellen in Erscheinung tritt (Anm. 7). Unter der Herrschaft der ottonischen Könige fiel im 10. Jahrhundert (929) das gesamte ostsaalische Gebiet zumindest auf dem Papier an das Deutsche Reich und gehörte fortan zur sächsischen Ostmark, die zunächst fast ausschließlich slawisch besiedelt war. Nach und nach siedelten sich deutsche Bauern in den slawischen Gebieten an, zunächst jedoch nicht im steinigen Wisentaland. Dort begann die deutsche Besiedlung erst gute zwei Jahrhunderte später auf Initiative des Geschlechtes der Lobdeburger, die das Land um 1204 als Belohnung für kriegerische Unterstützung von König Phillip von Schwaben zum Lehen bekamen (Anm. 8).

Wir müssen beachten, dass *Müslitz nicht die älteste Lautform des Ortsnamens Möschlitz ist, sondern eine von Deutschen bereits mehr oder weniger stark veränderte. Denn wahrscheinlich war das Altsorbische (Anm. 9), die in Thüringen und Sachsen gesprochene slawische Sprache, 1333 im Wisentaland schon einige Jahre ausgestorben. Durch Vergleichsnamen können wir die slawische Grundform rekonstruieren: Sie muss *Myslici gelautet haben. Deren erster Teil *Mysl- beruht auf einem damals recht beliebten slawischen Personennamen *Mysl, einer Kurzform von längeren slawischen Rufnamen wie *Myslibor, *Myslislav und *Myslimir, die alle das urslawische (Anm. 10) Wort *myslь 'Gedanke, Sinn' enthalten (Anm. 11). Der Name *Mysl war bei den ostdeutschen Slawen auch später noch weit verbreitet. So erscheinen in Mecklenburg-Vorpommern, wo sich die slawische Sprache (Anm. 12) länger halten konnte als in Thüringen, die Personen Miszel tu minichen (1353) und Missele (1381 in Rostock) in mittelalterlichen Quellen. Aber auch in Sachsen, wo ebenfalls Sorben lebten, ist der Name mit Thomas dictus ('genannt') Müzyl bezeugt (1390 in Bernitz bei Oschatz) (Anm. 13). Natürlich wurden auch diese Personennamen von deutschen Schreibern erfasst, die gemäß ihrer Gewohnheit die Lautverbindung /sl/ als <syl> oder <sel> niederschrieben.

Die altsorbische Endung *-ici diente ursprünglich zur Bezeichnung von Personengruppen. *Myslici bedeutete somit 'Leute des Mysl', wobei Mysl wohl der Name des Gruppenführers war. Das aber bedeutet, dass der Name Möschlitz ursprünglich an einer Personengruppe haftete und nicht an einem Ort. Das ist folgendermaßen zu erklären: Als das Wisentaland noch unbewohnt war, machten sich kleine Gruppen aus den schon bestehenden Dörfern in der Orlasenke auf, neue Siedelplätze zu entdecken. Diese Grüppchen bestanden vermutlich aus nicht mehr als 20 Personen, die miteinander verwandt oder verschwägert waren. Zumeist dürfte es sich um Großfamilien gehandelt haben. Da die unbesiedelten Gebiete noch mit dichten Buchenurwäldern überzogen waren, zogen sie mit Sack und Pack entlang der Saale und ihrer Nebengewässer, weil der Bewuchs der Flussauen spärlicher ausfiel (Anm. 14). An günstigen Orten gründeten sie Siedlungen. Oft waren das hochwassergeschützte Terrassen über den Flüssen, wie es z. B. noch gut an der Lage von Möschlitz und Grochwitz nachvollzogen werden kann. Die neuen Siedlungen erhielten dann den Namen der dort siedelnden Gruppe. Im Fall von Möschlitz also der Mysl-Leute.



Das Interessante an diesen Namen ist nun, dass sie zu den ältesten Ortsnamen in Ostthüringen zählen und wohl noch vor dem Kontakt der Slawen mit den Deutschen entstanden sind. Kartiert man alle Orte des ehemaligen Kreises Schleiz, deren Namen nach dem Muster Personenname + -ici gebildet worden sind, so kann man den Weg der Besiedlung von der Saale über die Wisenta bis zu deren Nebenflüssen sichtbar machen (Abb. 3, Anm. 15). In der näheren Umgebung von Möschlitz sind dies folgende Orte: Schleiz (1232 in Slowizc) 'Leute des Slava', Göschitz (1320 Godoschycz) 'Leute des Goduš' (Anm. 16),  Görkwitz (1250 Gorkewiz) 'Leute des Gorik' , Grochwitz (1552 Drochwitz) 'Leute des Droga', Pörmitz (1342 Permenytz) 'Leute des Borim oder Porim' (Anm. 17).

Die Karte zeigt auch, dass sich die frühen sorbischen Siedler nicht in die höhergelegenen Gegenden um Lobenstein, Saalburg und Tanna vorwagten. Dort gedeiht aufgrund des rauheren Klimas das Getreide schlechter. Die Technik der frühen Siedler reichte nicht aus, um den dortigen Böden die für das Überleben notwendigen Feldfrüchte zu entlocken. Slawische Namen wie Oschitz, Lössau, Löhma, Lehesten und Sorna, die sich auf Naturmerkmale beziehen, entstanden erst später, als die Sorben anfingen, durch Rodung auch bewaldete und höhergelegene Gebiete urbar zu machen (Anm. 18). Deutsche Ortsnamen sind noch jünger. Sie stammen frühestens aus dem 13. Jahrhundert, als die Deutschen das Gebiet aufsiedelten. Da noch frühere slawische Ortsnamen ebenso wie frühe slawische Funde im Wisentaland fehlen, kann man die Zeit der slawischen Landnahme im Schleizer Gebiet ab frühestens dem 9. Jahrhundert, eher ab dem 10. Jahrhundert annehmen. Leider gibt nur ein datierbarer archäologischer Fund Kunde über die Anwesenheit der Sorben im Wisentaland: ein im 10. oder 11. Jahrhundert gefertigter Ring aus einem Gräberfeld bei Göschitz (Anm. 19).

Wahrscheinlich hängt die Besiedlung der niedrigen Mittelgebirgslagen mit einer vom 9. bis zum 14. Jahrhundert andauernden Warmzeit zusammen, die Ernteerträge auch in etwas höheren Lagen versprach (Anm. 20).

So lässt sich mit den Methoden der Namenforschung am unscheinbaren Namen Möschlitz nicht nur ablesen, dass der so benannte Ort von Slawen gegründet wurde. Wir können sogar feststellen, dass sich im 9. oder 10. Jahrhundert eine saaleaufwärts wandernde Großfamilie um den Anführer Mysl dort niederließ.
Anmerkungen:
1. B. Schmidt (Hrsg.): Urkundenbuch der Vögte von Weida, Gera und Plauen, sowie ihrer Hausklöster Mildenfurth, Cronschwitz, Weida und z. h. Kreuz bei Saalburg. 1. Bd. 1122-1356 (Thüringische Geschichtsquellen N.F. 2,1), Jena 1885, Nr. 201.
2. Vgl. Karte 6 in H. Rosenkranz: Der thüringische Sprachraum, Halle 1964, S. 22.
3. Die Belege wurden entnommen aus: B. Schmidt 1885, 1. Bd. Nr. 727 und 730, 2. Bd. 1357-1427 (Thüringische Geschichtsquellen N.F. Bd. 2.2), Jena 1892, Nr. 143 und 145; W. Ronneberger: Das Zisterzienser-Nonnenkloster zum Heiligen Kreuz bei Saalburg a. d. Saale, Jena 1932, S. 199, Nr. 2; Regesten der Urkunden des Sächsischen Landeshauptarchives Dresden 1351-1365, Halle/Saale 2003, Nr. 701; R. Mendner: Burgker Urkundenbuch. Urkunden und Urkundenauszüge der Herrschaft Burgk bis zu ihrer Angliederung an das Haus Reuß-Greiz 1596/1616, in: Mitt. Plauen 27 (1917); Nr. 2, 59, 83, 91 und 136; J. Alberti: Geschichte des Deutschen Hauses zu Schleiz, nebst Beiträgen zur älteren Geschichte des Schleizer Gebietes und der Stadt Schleiz. Schleiz 1877, S. 69; B. Schmidt: Die Herschaft Schleiz bis zu ihrem Anfall an das Haus Reuß, in: Festschrift des Geschichts- und Altertumsforschungsvereins zu Schleiz zur Feier seines 25 jährigen Bestehens von Dr. Berthold Schmidt, Schleiz 1902, Nr. 3; C. Hertel, E. Bartsch: Jahresbericht und Mitteilungen des Vereins für Greizer Geschichte, 1.-4. Bd. Greiz 1894-1909, S. 21, 25 und 51; R. Hänsel: Schloß Burgk und der Burgkhammer an der oberen Saale, Jena 1941, S. 8; Thüringisches Staats-archiv Greis, HAS, Nr. 155, Fol. 144; Pfarrarchiv Saalburg, A1 (Memorienbuch Saalburg), S. 4.
4. Das Zeichen * zeigt an, dass die darauf folgende Form urkundlich nicht nachweisbar, aber sprachwissenschaftlich rekonstruierbar ist.
5. Damals veränderten sich die langen Vokale /ī/ zu /ai/, /ü/ zu /eu/ und /ū/ zu /au/.
6. P. Sachenbacher: Eine Einführung, in: Sachenbacher P., Beier, H.-J. (Hrsg.): Der Orlagau im frühen und hohen Mittelalter (=Beiträge zur Frühgeschichte und zum Mittelalter Ostthüringens 3), Langenweißbach 2007, S. 4.
7. I. Dušek: Geschichte und Kultur der Slawen in Thüringen, Weimar 1983, S. 13.
8. W. Ronneberger: Das Zisterzienser-Nonnenkloster zum Heiligen Kreuz bei Saalburg a. d. Saale, Jena 1932, S. 18.
9. Altsorbisch gehört zu den westslawischen Sprachen, die den westlichen Teil des slawischen Sprachkontinuums bilden. Das Altsorbische ist ausgestorben und kann nur noch aus Orts-, Flur- und Personennamen erschlossen werden. Zumeist existieren in den eng verwandten noch lebenden westslawischen Sprachen, wie dem Polnischen, dem Tschechischen, dem Ober- und Niedersorbischen und dem Slowakischen, vergleichbare Wörter, die der Rekonstruktion des Altsorbischen hilfreich sind.
10. Als Urslawisch bezeichnet man die älteste Form des Slawischen, die bis zum 7. Jahrhundert gesprochen wurde und aus der alle slawischen Sprachen entstanden sind.
11. W. Wenzel: Lausitzer Familiennamen slawischen Ursprungs, Bautzen 1999, S. 181.
12. Die westslawischen Stämme, die seit dem 7. Jahrhundert Gebiete des heutigen Nordostdeutschlands und Nordwestpolens besiedelten, sprachen die eng mit dem Altsorbischen verwandte Sprache des Polabischen.
13. G. Schlimpert: Slawische Personennamen in mittelalterlichen Quellen zur deutschen Geschichte, Berlin 1978, S. 91f.
14. Nicht zufällig haben die meisten Nebenflüsse der oberen Saale slawische oder sogar vorslawische Namen, wie Debra, Plotenbach, Wisenta, Retschbach, Wettera, Lemnitz, Friesau, Pößnigsbach, Triebisbach usw.
15. Görkwitz könnten Slawen aus dem Geraer Raum über die Weiße Elster, die Weida und die Gülde kommend gegründet haben.
16. L. K. W. A. Ledebur: Allgemeines Archiv für die Geschichtskunde des preussischen Staates, Bd. 15, Berlin u. a. 1834, S. 344. Das auf der Homepage des Ortes (www.goeschitz.de) angegebene Datum der Ersterwähnung 1333 ist falsch.
17. Westlich der Saale außerdem: Liebschütz (1258 Lobesiz) 'Leute des L'uboš (sprich Ljubosch)' und Drognitz (1120 Dhroganice) 'Leute des Drogan'.
18. J. Hermann (Hrsg.): Die Slawen in Deutschland, Berlin 1972, S. 13.
19. H. Rempel: Reihengräberfriedhöfe des 8. bis 11. Jahrhunderts, Berlin 1966, S. 62 u. 73.
20. Hubert Lamb: Klima und Kulturgeschichte: der Einfluß des Wetters auf den Gang der Geschichte, Reinbek 1989, S. 189-206.

Sunday, June 12, 2016

Rez.: Skizzen zur urslawischen Anthroponymie. Teil II



http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/skizzen-urslaw-anthroponymie/

Viktor Petrovyč Šul’gač: Narysy z praslovʼjans’koï antroponimiï. Častina II. [Skizzen zur urslawischen Anthroponymie. Teil II], Kyïv: Instytut ukraïns’koï movy 2015, 500 S.

Rezensiert von Walter Wenzel, Leipzig
Die ukrainische Onomastik hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt, sowohl auf dem Gebiet der Gewässer- und Ortsnamenforschung als auch der Anthroponomastik. Zu ukrainischen Hydronymen legten vor allem O. P. Karpenko sowie S. O. Verbyč wertvolle Untersuchungen einzelner Regionen vor, urslawische Gewässernamen behandelte V. P. Šul’gač. (Anm. 1) Die ukrainische Toponomastik erfuhr eine wertvolle Bereicherung durch die historisch fundierte Monographie von V. O. Jacij über die Ortsnamen des Gebietes von Ivano-Frankivs’k (Westukraine). (Anm. 2) Gleichzeitig erscheinen alljährlich die „Studiï z onomastyky ta etymologiï“ [Studien zur Namenforschung und Etymologie], der letzte Band in Kiew 2014.  Darüber hinaus publizierte man die gesammelten Schriften einer solch bekannten Forscherin wie I.  M. Željeznjak, anderen widmete man jeweils einen Band mit verschiedenen Einzelstudien, so den Sprachwissenschaftlern und Namenkundlern O. S. Stryžak und V. P. Petrov. (Anm. 3) Letzterer forschte u. a. zur Rodungsterminologie, ein für die slawische Ortsnamenkunde und Kulturgeschichte wichtiges Thema, dem sich in dem ihm gewidmeten Sammelband auch E. L. Babyčeva zuwendet. Bereits 1999 erschien die beachtenswerte Monographie „Onomastyka Polissja“, in der es immer wieder auch um Gewässernamen geht. (Anm. 4)


Die hier zu besprechenden „Skizzen zur urslawischen Anthroponymie“ stellen die Fortsetzung eines gleichnamigen Bandes aus dem Jahre 2008 dar. (Anm. 5) Die Abhandlung gliedert sich in drei Teile, denen Ergänzungen und Verzeichnisse der Literatur und Quellen sowie der Abkürzungen folgen, den Abschluss bildet ein „Register der Uranthroponyme“. Im ersten Teil (S. 8–126) untersucht Verf. 20 urslawische anthroponymische Basen, beginnend mit *Baj- und endend mit *Vorp-. Dabei werden alle bisher nachweisbaren Ableitungen aus den einzelnen slawischen Sprachen vorgeführt, historisch dokumentiert und mit Bezugnahme auf ein etymologisches Wörterbuch erklärt, so unter *Baj-: *Baja, *Bajь, *Bajakъ, *Bajačь, *Bajanъ und viele weitere, darunter Komposita wie Bělobajь, *Krasьnobajь u. a., mit Belegen meist aus dem Ostslawischen, aber auch andere Slawinen werden einbezogen, darunter öfters das Sorbische. So kommen bei der Basis *Dъrd- sorb. Dorda, Dorděj und Derdula zur Sprache. Unter urslaw. *Tъrla, *Tъrlъ, *Tъrlo und ihren Ableitungen steht auch sorb. Tirlak, nach A. Muka Tyrlak. Dieser Zuname kommt noch öfters vor und wurde zusammen mit Tyrlic und Tyrlika aus nso. tyrlikaś ʻtrillern, trällern; Liebeständeleien treibenʼ hergeleitet. (Anm. 6)
Der zweite Teil (S. 127–214) hat die Reflexe von idg. *ter- im slaw. Personennamenschatz zum Gegenstand. Unter den „Uranthroponymen“ mit der Wurzel *Terb- erscheinen neben vielen anderen auch sorb. Trebik, Trebiš und Třebuš (Letzteres nach A. Muka), ohne dass in diesen wie auch in mehreren weiteren Fällen eindeutig zum Ausdruck kommt, dass es sich hier um Kurzformen von solchen Vollnamen wie Treboslav, Trebomir oder ähnlichen handelt.

Auf dasselbe Problem stößt man im dritten Teil der „Skizzen…“ (S. 215–380), den „Anthroponymischen Studien“, bei den zahlreichen Ableitungen von der Basis *Ľub- < urslav. *ľubъ ʻlieb, teuerʼ. Auch hier liegen meist Kurzformen von solchen häufigen Vollnamen wie *Ľubomirъ, *Ľuboslavъ und anderen vor, so bei den mit angeführten sorb. Libak und Libiš, zu denen Lubak, Lubiš und viele weitere zu ergänzen wären. (Anm. 7) Man vermisst solche Koseformen wie *Ľuchъ und *Ľušъ, die gleichfalls aus Vollnamen mit dem Vorderglied *Ľud- oder *Ľut- hervorgegangen sein können. Verf. führt auch immer wieder Vollnamen mit an, so *Ľubomirъ, *Ľudoslavъ, *Ľutomyslъ, darunter in Ortsnamen verbaute. Bei den Namen mit der Negationspartikel Ne- wäre ausdrücklich zu vermerken gewesen, dass es sich, wie z. B. bei *Neľuba, *Neľudъ und *Neľutъ (S. 342), um apotropäische Rufnamen handelt. Bei den mit *Čьrn- ʻschwarzʼ gebildeten Zusammensetzungen wie z. B. *Čьrnonogъ, *Čьrnonosъ und vielen weiteren (S. 347–353) ist oft schwer zu entscheiden, welche man zu den zweigliedrigen alten Vollnamen rechnen kann oder wo spätere appellativische Komposita in der Funktion von Übernamen vorliegen. So werden z. B. skr. Črnobrat und tschech. Črnohost von K. Rymut zu den Vollnamen gerechnet, (Anm. 8) bei vielen der von V. P. Šul’gač aufgeführten Namen dürften wir es aber mit appellativischen Bildungen zu tun haben, die dann die Rolle von Personennamen übernahmen. Die Zahl dieser vom Verf. zusammengetragenen Namen (S. 344–380) ist erstaunlich und stellt zweifellos eine wichtige Bereicherung der slaw. Wortbildungslehre dar. Am Ende dieser langen Liste alter Komposita steht *Žьrnosěkъ ʻMühlsteinhauerʼ, meist in Ortsnamen nachweisbar. Zu Grunde liegt ein Berufsname; in den Plural erhoben bilden diese Formationen zusammen mit zahlreichen gleichartigen Strukturen den archaischen Ortsnamentyp „Kosobudy/Žornosěky“. (Anm. 9)

Das Buch beschließen ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 381–461), ein Abkürzungsverzeichnis (S. 462–463) sowie ein Register der „Uranthroponyme“ (464–500). So bezeichnet Verf. die von ihm erschlossenen Formen, gewonnen aus einem reichen Material aus allen slawischen Sprachen. Dabei erhebt sich immer wieder die Frage, ob die betreffenden Konstruktionen wirklich bis in das Urslaw. zurückreichen und ob nicht in vielen Fällen jüngere Bildungen vorliegen, in ihrem Vorkommen beschränkt auf eine Gruppe slawischer Sprachen oder gar ein einzige Slawine. Das trifft sicherlich auf eine Anzahl von Namen zu, die Verf. nur aus dem Ostslawischen, und da auch oft recht spät, nachweisen kann, so z. B. *Vъlkobojь, ukr. und russ. Volkoboj, und viele weitere mit dem Vorderglied aus urslaw. *vьlkъ ʻWolfʼ.

Das Werk von V. P. Šul’gač stellt einen wichtigen Beitrag zur slawischen Personennamenforschung dar. Bei der Darstellung, auch in der Form von „Skizzen…“, hätte man sich eine stärkere Beachtung des Aufbaues der urslaw. Anthroponymie, die sich bekanntlich in Vollnamen, in von ihnen abgeleitete Kurz- und Koseformen sowie in unmittelbar auf Appellativen fußende Übernamen gliedert. Von Letzteren sind manche apotropäischen Rufnamen nur schwer abzugrenzen. (Anm. 10) Kaum nennenswert dürfte auf Grund der nur gering entwickelten Arbeitsteilung in der spätgentil-frühfeudalen Agrargesellschaft die Zahl der aus Berufsbezeichnungen hervorgegangenen Personennamen gewesen sein, wie z. B. *Kovalь, *Kovarь, *Kovačь und *Gъrnьčarь.
Anmerkungen
(1) Karpenko, Ol’ga Petrivna: Gidronimikon central’nogo Polissja, Kyïv 2003; Verbyč, Svjatoslav Oleksijovyč: Gidronimija basejnu Verchn’ogo Dnistra, Etymologičnyj slovnyk-dovidnyk, Kyïv 2007; ders.: Gidronimija basejnu Seredn’ogo Dnistra, Etymologičnyj slovnyk, Luc’k 2009; Šul’gač, Viktor Petrovyč: Praslovʼjans’kyj gidronimnyj fond (fragment rekonstrukciï), Kyïv 1998.
(2) Jacij, Vasil’ Oleksandrovič: Ojkonimija Ivano-Frankivs’koï oblasti: istoryko-etymologičnyj slovnyk, Kyïv 2015. Ausführlich wird darin S. 72–78 auch der Orts- und Landschaftsname Galič, dt. Galizien, erstmals 898 erwähnt, behandelt.
(3) Željeznjak, Iryna Mychajlivna: Slovʼjans’ka antropononimika, Kyïv 2011; Doslidžennja z onomastyky, Zbirnyk naukovych prac’, Prysvjačeno pamʼjati Oleksija Syl’vestrovyča Styžaka, Red. D. G. Bučko u. a., Kyïv 2008; Slavica ta Baltica v onomastyci Ukraïny, Red. I. M. Željeznjak, Kyïv 1999.
(4) Onomastyka Polissja, Red. I. M. Željeznjak, O. P. Karpenko, V. P. Šul’gač, Kyïv 1999.
(5) Šul’gač, Viktor Petrovyč: Narysy z praslovʼjans’skoï antroponimiï, Častyna I, Kyïv 2008. Siehe dazu die Rez. von W. Wenzel, in: Namenkundliche Informationen 95/96 (2009), S. 334–336.
(6) Wenzel, Walter: Studien zu sorbischen Personennamen, Tl. II/2, Historisch-etymologisches Wörterbuch, S. 144.
(7) Wenzel, Walter: Niedersorbische Personennamen aus Kirchenbüchern des 16. bis 18. Jahrhunderts, Bautzen 2004, S. 263–265.
(8) Rymut, Kazimierz: Szkice onomastyczne i historycznojęzykowe, Kraków 2003,S. 59. Darin findet sich S. 47–55 der wichtige Aufsatz „O potrzebie rekonstrukcji prasłowiańskiego systemu antroponimicznego“.
(9) Zu den altsorbischen Ortsnamen dieses Bildungsmodels siehe Wenzel, Walter: Namen und Geschichte, Hamburg 2014, S. 335–346.
(10) Zu den apotropäischen Rufnamen siehe unter Anm. 9, S. 63–78.
Empfohlene Zitierweise
Walter Wenzel: [Rezension zu] Viktor Petrovyč Šul’gač, Narysy z praslovʼjans’koï antroponimiï [Skizzen zur urslawischen Anthroponymie] Teil II, Kyїv 2015, in: Onomastikblog [10.06.2016], URL: http://www.onomastikblog.de/artikel/ni-rezensionen/skizzen-urslaw-anthroponymie/
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Saturday, April 9, 2016

Zum Tod von Wilhelm F.H. Nicolaisen - ein Leipziger Nachruf

http://www.onomastikblog.de/artikel/wuerdigungen/zum-tod-von-wilhelm-fh-nicolaisen-ein-leipziger-nachruf/

Das erste Mal gesehen und zugehört habe ich Wilhelm F.H. Nicolaisen am 13. August 1984. Es war der Eröffnungstag des XV. Internationalen Kongresses für Namenforschung in Leipzig mit dem Generalthema "Der Name in Sprache und Gesellschaft". Als Präsident des vorangegangenen Internationalen Kongresses für Namenforschung 1981 in Ann Arbor (Michigan, USA) grüßte er die Teilnehmer in Leipzig. Ich saß mit im Präsidium und hatte die Veranstaltung zu protokollieren. Sehr beeindruckt war ich damals davon, was er alles über Leipzig sagte: "We are here not only because of the kind invitation of our Leipzig colleagues and their university, although that played an important part; we are here mainly because Leipzig is a place where important and exciting things are happening in the field of onomastics. There can be few academic locations today in which there is such a fine team of name scholars at work, backed by many similarly outstanding colleagues at universities, colleges and academies elsewhere in the country" (Nicolaisen 1985: 1).
Die zweite intensive Erinnerung geht zurück in das Jahr 1995, in dem wir beide an der VI. Akademie Friesach zum Thema "Personennamen und Identität" in Friesach, der ältesten Stadt Kärntens teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit, genauer beim Nachmittagsprogramm, das die Akademieteilnehmer in das Benediktinerstift St. Lambrecht führte, wo u.a. auch über die Benennung von Ordensangehörigen in Benediktinerklöstern der Alpenländer berichtet wurde, nahm er mich beiseite und erklärte mir, dass auf Tagungen die Pausengespräche und Exkursionen das Wichtigste wären. Daran habe ich in den letzten zwanzig Jahren noch oft gedacht. Aus Halle stammend fragte er mich immer, wie es denn in Ostdeutschland jetzt so sei. Ich freute mich dann über sein Interesse an uns.
Die nächste Begegnung ließ nicht lange auf sich warten, denn im Sommer 1996 fand der XIX. Internationale Kongress für Namenforschung in Aberdeen statt, organisiert von ihm. Bereits die Begrüßung und das Angebot, ihn "Bill" nennen und ihn duzen zu dürfen, das war irgendwie besonders. Diese freundliche und zugewandte Art des Gastgebers prägte die Kongresstage mit dem anregenden und vielseitigen Tagungsprogramm und den verschiedenen Exkursionen (Pikten, Burgen, Küste und Whiskydestillerien wurden angeboten). Dies war zugleich der erste Kongress des neuen, umstrukturierten ICOS, wodurch die Mitgliedschaft nicht weiter auf dem Prinzip der Kooptation beruhte, sondern geöffnet wurde. Mit seinem Generalthema "Dimensionen, Perspektiven und Methoden der Namenforschung" bot Aberdeen ca. 170 Vortragenden die Möglichkeit, ihre Themen, Probleme und neuen Ansätze vorzutragen. Gerhard Koss fasste seinen Bericht über Aberdeen damals wie folgt zusammen: "Aberdeen war auch ein Kongress seines Präsidenten Wilhem dictus Bill NICOLAISEN, in der Neuen Welt als Mister Onomastica bekannt. Als letzter Generalsekretär des alten ICOS und ersten Präsidenten des neuen ICOS hat er die Stabilität der Vereinigung erhalten, so daß er jetzt getrost den Stab weiterreichen konnte. Den Dank an den Kongresspräsidenten, seinen Stab und seine Familienangehörigen für die gelungene Ausrichtung des XIX Kongresses kleideten die Anwesenden bei der Closing Session in minutenlange standing ovations, was mehr als Worten besagt" (1996, 84). In meiner Erinnerung organisierten Bill und seine Tochter den Kongress ohne Computer!
Im November 1997 weilte Bill eine Woche als Gast bei uns in Leipzig. Vor Studenten der Onomastik und der Anglistik berichtete er in einer Gastvorlesung über "Ergebnisse der Namenforschung in England". Am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e.V. in Leipzig hielt er einen vielbeachteten Vortrag über " Ortsnamen und Siedlungsgeschichte in Schottland". Auf der Namenkundlichen Jahrestagung sprach er schließlich über die "Welt der Namen". Er spannte den Bogen damals über die (literarisch-namenkundliche) Analyse der Kurzgeschichte "Unter dem Garten" von Graham Greene über Themen wie Namen in Märchen, Name und Selbstverständnis, Namen als verbale Ikone, Namen als Verortungen in der Vergangenheit, Namen und Wort, Namen von ungewöhnlichen Objekten bis hin zu Namen von Haustieren u.v.a. Immer wieder betonte er die kaleidoskopische Variabilität der Welt der Namen. In meinem Verständnis regte er damit auch in Leipzig Untersuchungen zu Namen an, die bis dahin nicht zum traditionellen Untersuchungsgegenstand gehörten. Bei seinem erneuten Aufenthalt an der Universität im Jahr 2003 ging es Bill darum, die neuen Untersuchungen zur Literarischen Onomastik in Deutschland zu studieren, um sie in seinem Beitrag "Methoden der literarischen Onomastik" für das Lehrbuch "Namenarten und ihre Erforschung" (Nicolaisen 2004) berücksichtigen zu können.
Das letzte Mal sahen wir uns in Pisa zum XXII. Kongress für Namenforschung im Sommer 2006, und es ging ihm, nach eigenen Worten, nicht nur gut, aber er war überall dabei beim wissenschaftlichen Programm, bei den Exkursionen und in den Pausen! Zehn Jahre gab es dann keine Wiedersehen mehr, aber wir lasen voneinander, auch dank E-Mail. Die obligatorische Weihnachtspost fehlte 2015. Die Nachricht von seinen Tod kam also nicht unerwartet, aber sie hat uns traurig gemacht, weil wir mit Bill über Jahrzehnte eine enge Verbindung hatten und er uns fehlen wird.
In den "Namenkundlichen Informationen" erscheint sein Name erstmals 1974. Rosemarie Gläser rezensierte sein Buch "The Names of Towns and Cities in Britain" (Gläser 1974). Später rezensiert er auch für unsere Zeitschrift, so zum Beispiel ausführlich die Studie von Ines Sobanski: "Die Eigennamen in den Detektivgeschichten Gilbert Keith Chestertons. Ein Beitrag zur Theorie und Praxis der literarischen Onomastik" (Nicolaisen 2000). Vier Aufsätze hat Wilhelm F.H. Nicolaisen in unserer Zeitschrift veröffentlicht: "Über Namen in der Literatur" (Nicolaisen 1980a), "Zur Namenforschung in den USA" (Nicolaisen 1980b), "Die Welt der Namen" (Nicolaisen 1998) und "Ortsnamen als Zeugnisse der Siedlungsgeschichte Nord-Ost-Schottlands" (Nicolaisen 2002).
Wilhelm F.H. Nicolaisen war einer der allerersten, der Mitglied der 1991 gegründeten Gesellschaft für Namenforschung wurde und sich immer für sie interessiert und engagiert hat. Der Arbeitsstelle an der Universität Leipzig schenkte er alle seine Veröffentlichungen. Wir haben viele Gründe, Bill Nicolaisen in dankbarer Erinnerung zu behalten!
[Bill Nicolaisen ist sehr eng mit der Geschichte des ICOS (International Committee of Onomastica Sciences, seit 1993 International Council of Onomastic Sciences) verbunden; eine entsprechende Würdigung wird wohl von dort erfolgen. Unter seiner Präsidentschaft (1990-1996) fand der schwierige Umbruch von "einer nicht mehr zeitgemäßen und wissenschaftlich fragwürdigen nationalen Delegation" (ich selbst war als Vertreter für Portugal Mitglied) in eine internationale wissenschaftliche Gesellschaft. Ausgangspunkt war der Kongress in Ann Arbor (1981), dessen Akten nie erschienen sind (vgl. Kremer 2002) und wo ich erstmals Kontakt mit Leipziger (oder "ostdeutschen") Namenforschern hatte. Die vor allem von André Lapierre (Ottawa) und mir ausgehende Initiative und von heftigen Diskussionen begleitete Umwandlung erfolgte auf dem 18. ICOS-Kongress 1993 in Trier. Bill Nicolaisen spielte hier die zentrale Rolle, wir haben uns schließlich im besten Verständnis zusammengerauft. Wir sahen uns regelmäßig auf den Folgekongressen. Noch einmal besonders intensiv wurde unser Kontakt bei der gemeinsamen Vorbereitung des ICOS-Kongresses in Pisa (2005), zu der uns Maria Giovanna Arcamone und auch Albrecht Greule eingeladen hatte. Es sollte unser letztes Treffen sein. Dieter Kremer]
─ Gläser, Rosemarie (1974): Rez. zu Nicolaisen, W.F.H.(Hg), The Names of Towns and Cities in Britain. London, B.T. Batsford 1970. 215 S., in: NI 25, 34-35.

─ Koss, Gerhard (1996): XIX. Internationaler Kongreß für Namenforschung (Aberdeen/Schottland, 4.-11. August 1996), in: NI 70, 81-85.
─ Kremer, Dieter (Hg.) (2002): Onomastik. Akten des 18. Internationalen Kongresses für Namenforschung Trier, 12.-17. April 1993, Band I (= Patronymica Romanica 14), Tübingen: Niemeyer, XXXIIf.; Ausgewählte Beiträge (Ann Arbor, 1981), in: ib., Band VI (= Patronymica Romancica 19), 433-544.
Nicolaisen, W.F.H. (1980a): Über Namen in der Literatur, in: NI 38, 13-25.
─ (1980b): Zur Namenforschung in den USA, in: NI 39, 37-45.
─ (1998): Die Welt der Namen, in: NI 74, 9-28.
─ (2000): Rez. zu Ines Sobanski: Die Eigennamen in den Detektivgeschichten Gilbert Keith Chestertons: Ein Beitrag zur Theorie und Praxis der literarischen Onomastik (= Europäische Hochschulschriften, Reihe 21, Linguistik, 218), Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 1999, 322 S., in: NI 77/78, 203-205.
─ (2002): Ortsnamen als Zeugnisse der Siedlungsgeschichte Nord-Ost-Schottlands, in: NI 81/82, 179-190.

Friday, March 18, 2016

Rudolf Schützeichel (1927-2016)



http://www.onomastikblog.de/artikel/wuerdigungen/rudolf-schuetzeichel-1927-2016/

Von uns gegangen ist Prof. Dr. Dr. h.c. Rudolf Schützeichel. Geboren am 20.5.1927, wurde der Germanist Rudolf Schützeichel zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Förderer der deutschen Namenforschung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine ausführliche Würdigung folgt in Kürze.


https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Sch%C3%BCtzeichel


Rudolf Schützeichel (* 20. Mai 1927 in Rahms, Rheinland-Pfalz; † 5. März 2016 in Münster (Westfalen)) war ein deutscher germanistischer Mediävist. Er war Lehrstuhlinhaber für Deutsche Philologie und Direktor des Germanistischen Instituts der Universität Münster.

Schützeichel galt als Experte für Althochdeutsch, Wortforschung, Namenforschung und Rechtssprache.Forschungs- und Lehrschwerpunkte Schützeichels sind die Althochdeutsche Sprache, deren Wortschatz und überliefertes Textkorpus, insbesondere die Rechtssprache der Urkunden und die Namenforschung. Schützeichel ist Begründer und Herausgeber der Fachperiodika Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 1 ff. (1966 ff.), und Sprachwissenschaft 1 ff. (1976 ff.).




Friday, November 13, 2015

Familiennamen zu St. Martin

http://www.namenforschung.net/specials/st-martin/

Mit Lichtern, Gänsen und rotem Mantel - Familiennamen zu St. Martin

Der Martinstag am 11. November geht auf den Hl. Martin von Tours (4. Jh.) zurück. Er war Soldat im römischen Heer und bevor er aus Glaubensgründen aus dem Militärdienst austrat, wurde er durch einen besonderen Akt der Nächstenliebe berühmt. Der Reitersoldat begegnete vor den Stadttoren vom Amiens einem frierenden Bettler. Kurzerhand zerteilte er mit seinem Schwert den prächtigen roten Mantel und übergab das Teilstück dem armen Mann, der niemand anderes als Christus selbst war. Später wurde Martin Bischof von Tours, da er aber bescheiden war, wollte er die Wahl nicht annehmen und versteckte sich. Eine Schar schnatternder Gänse verriet ihn, so die Legende. Der Hl. Martin wurde schnell zum Schutzheiligen des fränkischen Reichs und wurde vor allem in Frankreich und den rheinischen Gebieten Deutschlands verehrt. Er ist auch Patron des Mainzer Doms und Bistums. In vielen Gegenden finden ihm zu Ehren Martinsumzüge statt, bei denen Kinder singend mit Laternen und oft von einem als römischer Soldat gekleideten St. Martin begleitet durch die Straßen ziehen. In evangelischen Gebieten werden die Umzüge auch zu Ehren Martin Luthers (der am 11.11. Namenstag hat) abgehalten. Der 11.11. ist im Rheinland nicht nur der Beginn der Fastnachtssession, er ist auch Beginn der 40-tägigen Fastenzeit vor Weihnachten. Für unsere Vorfahren ein Grund, noch mal so richtig zu schlemmen, bevor magere Zeiten anbrachen. Zudem waren an diesem Tag Zinsen und Abgaben fällig, das bäuerliche Wirtschaftsjahr ging zu Ende, das Gesinde wurde ausgezahlt. Dies war willkommener Anlass zu Festivitäten - besonders die Gänse waren jetzt fett genug, um für einen ordentlichen Braten herzuhalten.
Auch in Familiennamen treffen wir auf den heiligen Martin, seinen Mantel, Gänse und den Lichterglanz der Laternen.

Mantel

Verbreitung des Familiennamens Mantel
Sankt Martin teilte seinen Mantel mitten entzwei, um einen Erfrierenden zu wärmen. Doch wie entstand der Familienname Mantel? Diesen Namen teilen sich 2531 NamenträgerInnen (= ca. 904 Telefonanschlüsse). Er entstammt dem mittelhochdeutschen Wort mantel,mandel 'Mantel als Kleidungsstück' und bezeichnet meist jemanden, der einen Mantel trägt oder einen Schneider, der Mäntel herstellt. Gelegentlich konnte auch jemand gemeint sein, der an einem Föhrenwald wohnte. Dieser Wohnstättenname geht auf mittelhochdeutsch mantel 'Föhre; die äußersten Oberbäume eines Waldes' zurück. Seltenere Schreibvarianten des Namens sind Mantl und Mantell mit 22 und 21 Telefonanschlüssen (also ca. 62 und 59 NamenträgerInnen). Die Familiennamen Mendler (374 Telefonanschlüsse, ca. 1047 NamenträgerInnen), Mantler(184 Telefonanschlüsse, ca. 515 TrägerInnen), Mentler (52 Telefonanschlüsse, 146 TrägerInnen) und Mäntler (15 Telefonanschlüsse, ca. 42 TrägerInnen) gehen auf mittelhochdeutsch manteler, menteler zurück und meinen einen Trödler oder Kleiderhändler.

Licht und Lichter

Verbreitung der Familiennamen Licht undLichter
Der Lichterbrauch ist fester Bestandteil der Martinsbräuche, sei es in Form von Laternen und Fackeln oder als Martinsfeuer. Der Familienname Lichtkommt mit 1546 Telefonanschlüssen (d.h. ca. 4329 NamenträgerInnen) weit gestreut vor, der Name Lichter konzentriert sich mit 482 Telefonanschlüssen (entspricht ca. 1359 NamenträgerInnen) vor allem an der Mosel. In beiden Familiennamen steht Licht für jemanden, der auf andere besonders strahlend und hell wirkt (zu mittelhochdeutsch lieht) oder bezieht sich auf den Beruf eines Kerzenherstellers oder -verkäufers. Auch die Wohnstätte an einer hellen Stelle, nämlich einem gerodeten Waldstück, kann gemeint sein. Zuweilen liegt auch mittelhochdeutschlîht zugrunde, was einen leichtfertigen, unbeständigen Menschen bezeichnet. Darüber hinaus kommen Siedlungsnamen wie Lichta, Lichte (Thüringen) in Frage.

Gans

Verbreitung des Familiennamens Gans
Tatsächlich leitet sich der FamiliennameGans, den in Deutschland rund 2635 Personen tragen (941 Telefonbucheinträge), von dem allerorts bekannten Vogel ab, dem es traditionell zum Sankt-Martinstag an die Federn geht. Woher der Brauch des Gänsessens am 11. November kommt, ist nicht endgültig geklärt. Am wahrscheinlichsten ist die Erklärung, dass jährlich an diesem Tag eine Steuer fällig wurde, die in Form einer Gans bezahlt werden konnte oder deren Gegenwert entsprach. Der Familienname ließe sich demnach auf Pächter zurückführen, die für ein von ihnen bewirtschaftetes Land eine solche "Steuergans" erbringen mussten. Auch denkbar ist ein Übername für den Gänsezüchter, denn Gänse waren schon zur Zeit der Entstehung der Familiennamen auch fernab des Martinstages ein beliebter Speisevogel, sodass vielerorts Gänsezucht betrieben wurde.

Martin


Verbreitung des Familiennamens Martin
Die großräumige und intensive Verehrung des Hl. Martin hatte auch Auswirkungen auf die Namengebung. Ursprünglich geht der Rufname Martin auf den römischen Beinamen Martinus zurück, dieser wiederum auf Mars, den Namen des römischen Kriegsgottes.
Martin und seine dialektalen Formen wieMarten, Merten, Marti, Mertel usw. wurden vom Mittelalter bis heute häufig als Rufnamen vergeben. Und da Rufnamen eine wichtige Quelle für Familiennamen darstellen, finden sich Martin und seine Varianten auch oft in den heutigen Familiennamen wieder. So belegt Martinunter den häufigsten Familiennamen in Deutschland den 71., Martens den 300. undMertens den 301. Rang. Vereinzelt kann der Familienname Martin auch aus dem romanischen Sprachgebiet nach Deutschland eingewandert sein; er ist nämlich auch der häufigste französische Familienname. Nördlich an das Hauptverbreitungsgebiet des Familiennamens Martin, wie es auf der Karte zu sehen ist, schließen Namen wie Marten(s) oder Merten(s) an. In Bayern sind die Familiennamen aus Koseformen wie Mart(e)l, Mert(e)l oder Mört(e)lheimisch, sie sind jedoch insgesamt eher selten.